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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Beklemmende Chorblöcke und eine schmerzhaft um sich kreisende Violinstimme, schneidende Bläserfanfaren und bizarrer Varieté-Elan - das sind nur einige Substanzen, mit denen Hanns Eisler ab Mitte der 1930er Jahre und in seinem amerikanischen Exil sein größtes und bedeutendstes Orchesterwerk füllen sollte. 1947 war die Partitur seiner "Deutschen Sinfonie" op. 50 schließlich vollendet, aber es brauchte noch weitere zwölf Jahre, bis sie am 24. April 1959 in Berlin uraufgeführt werden konnte. Denn wenngleich Eislers monumentales Mahnmal zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus ganz auf der Linie der antifaschistisch aufgestellten DDR lag, war das zwölftönige Grundgerüst des Werkes nicht im Sinne der musikpolitischen Direktiven. Die Wiederbegegnung mit dieser 11-sätzigen Sinfonie und ihren oratorienhaften, nicht selten ins breitwandige Pathos umschlagenden Zügen mag angesichts ihrer überwältigenden Botschaft genauso einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen wie so manche unverblümt angelegte Propaganda-Sinfonie eines Schostakowitsch. Zumal Eisler mit dem 1959 hinzugefügten Epilog die Gefahren eines aufziehenden Atomkrieges in einen dramaturgischen Zusammenhang mit den "Kämpfern in den Konzentrationslager" stellte.
In dem Livemitschnitt aus der Pariser Cité de la Musique, der innerhalb des Zyklus "Das Dritte Reich und die Musik" entstand, achtet Dirigent Eliahu Inbal auf eine fesselnde Durchdringung der Sinfonie und damit auf Eislers avancierte Collagetechnik aus Kampfmusikelementen, dodekafonischer Idiomatik und expressiven Kulminationspunkten. Und sogar die an Mahler angelehnten Pulsschläge in der Passacaglia rütteln in ihrem lyrisch-drängenden Tonfall auf, das Schicksalhafte und der Schrecken sind bis in die grellsten Tiefenschärfen hinab mit den Händen zu greifen. Eislers "Deutsche Sinfonie" steht da auf einmal nicht allein in der Tradition Mahlers, sondern auf einer Stufe mit Henze oder Hartmann.

Guido Fischer, 14.04.2006



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