Gab es eine typische „DDR-Musik“? Die Antwort von Steffen Schleiermacher, der als bedeutendster Pianist für Neue Musik aus den neuen Bundesländern gelten darf, ist ein klares „Nein“. Doch liest man Schleiermachers aufschlussreiche und lebendige Anmerkungen im Beiheft, dann fällt schon auf, dass es dafür ein typisches Hören und Rezipieren gab: eines, das Material und Titel immer auch auf feinste politische Nebenbedeutungen abscannte. Denn wie könnte man sonst auf die Idee kommen, in Reiner Bredemeyers Klavierstück 3, bei dem der Pianist mit geschlossenem Mund mitsummt, eine subversive Anspielung zu entdecken, in Friedrich Schenkers kurzer Schönberg-Hommage von 1972 eine Auflehnung gegen Formalismusvorwürfe zu erkennen oder das letzte von Friedrich Goldmanns „Vier Klavierstücken“ als eine „Idylle mit Stacheldraht“ zu bezeichnen?
Typisch war aber auch die größere Bedeutung privater Verbindungen unter nicht hundertprozentig systemkonformen Musikern. Und gerade auch dieses Netzwerkartige verleiht Schleiermachers Auswahl von Klavierwerken seiner so unterschiedlichen Lehrer, Freunde und Kollegen weit mehr als bloß persönlichen Aussagewert. Wenn ein privateres Faible Schleiermachers auf der CD zum Tragen kommt, dann ist es sein Interesse am Nachklang. Dieses Interesse zeigt sich stilistisch in den zahlreichen Hommagen des Programms sowie in den musikalischen Reflexionen, die von Schönberg über Messiaen und Boulez bis hin zu Wolfgang Heisigs fast naiver „Happy Birthday“-Bearbeitung reichen. Als Pianist wiederum nutzt Schleiermacher in auffällig vielen Kompositionen die Gelegenheit, dem wunderbar großbürgerlich-erdigen Steinway von 1901 mit oft nur knappem, aber ungeheuer präzise kalkuliertem Anschlag die farben- und nuancenreichsten Hall- und Obertoneffekte zu entlocken. Werden aber dabei die Zwischentöne nicht bisweilen zur Hauptsache? Vielleicht – aber genau dieses Prinzip hielt die Kunst in der DDR am Leben.

Carsten Niemann, 04.10.2014



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