Nicht wenige werden sich fragen, ob es diesen Bayreuther "Tannhäuser" von 1961 denn wirklich braucht, gibt es doch den ein Jahr später entstandenen Mitschnitt mit weitgehend identischer Besetzung. Die Antwort ist eindeutig positiv – trotz erheblicher Einschränkung bei genau der Alternativbesetzung, die scheinbar am meisten für diese zusätzliche Veröffentlichung zu sprechen scheint. Victoria de los Ángeles liefert eine tatsächlich jungfräulich klingende Elisabeth ab, wunderschön weich und lyrisch gesungen, freilich mit der ihr eigenen begrenzten Höhe, die man ihr aber gerne nachhört. Was man ihr allerdings nicht nachhören kann, ist das schlechte Deutsch, mit dem sie diesen guten Eindruck deutlich schmälert. Davon abgesehen bietet sie eine sehr persönliche und glaubwürdige Interpretation. Grace Bumbry erweist sich schon im Premierenjahr als überwältigende Venus. Wolfgang Windgassen ist an diesem 3. August 1961 stimmlich gut im Saft, sein Tannhäuser kommt sehr frisch und kräftig, ja, geradezu draufgängerisch über die Rampe. Das Lied an den Abendstern wird hier von Dietrich Fischer-Dieskau angestimmt, der sich at his VERY best zeigt, an diese Leistung kommt Eberhard Waechters Wolfram – obwohl wirklich gut! – im Jahr darauf nicht heran, wirkt im Vergleich fast eindimensional. Am Pult schlägt Wolfgang Sawallisch recht flotte Tempi an, verbindet kammermusikalische Delikatesse mit dramatischer Beherztheit, erweist sich dabei stets als idealer, weil sängerfreundlicher Gestalter. Alles in allem lohnt sich die Bekanntschaft mit dieser 1961er-Version des scheinbar bekannten Bayreuther "Tannhäuser" also durchaus.

Michael Blümke, 11.10.2014



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