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Dmitri Schostakowitsch

Violinkonzerte Nr. 1 & 2

Christian Tetzlaff, Philharmonisches Orchester Helsinki, John Storgårds

Ondine/Naxos ODE 1239
(68 Min., 11/2013)

Bei kaum einem anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts sind Leben und Kunst so ineinander verwoben wie bei Schostakowitsch. Nahezu jedes Werk erzählt eine Geschichte von existenziellen Ausnahmezuständen und den Folgen und Reaktionen. Unter höchster Anspannung stand Schostakowitsch auch Ende der 1940er Jahre. 1947 hatte man ihn zwar von höchster offizieller Seite mit dem „Lenin“-Orden ausgezeichnet. Doch nicht zuletzt der erneut staatlich verordnete Antisemitismus Stalinscher Prägung zwang ihn, aus Selbstschutz alle gerade geschriebenen Werke in der Schublade zu verstecken, in denen er die von ihm so geschätzte, gar bewunderte jüdische Musik zitiert hatte. Zu diesen Stücken gehört neben dem 4. Streichquartett und dem Vokalzyklus „Aus hebräischer Volkspoesie“ auch das 1948 abgeschlossene 1. Violinkonzert. Erst zwei Jahre nach Stalins Tod wurde es 1955 von David Oistrach uraufgeführt, dem Schostakowitsch ebenfalls auch das 1967 geschriebene, von heftigen Fantasien durchgeschüttelte Violinkonzert Nr. 2 widmete.
Aus diesen Konzerten macht Christian Tetzlaff hochgradige Fiebermusik. Von beklemmend und dämonisch über brutal und desolat bis hin zu gespenstisch und gehetzt reicht hier die Ausdruckspalette, mit der Tetzlaff all den Widersprüchlichkeiten Kontur und Klang gibt, die das Leben Schostakowitschs ausmachten. Und wenn selbst die Zügel mit dem von John Storgårds exzellent eingestellten Helsinki Philharmonic Orchestra noch einmal extrem angezogen werden, um etwa im Finalsatz des 1. Violinkonzerts einen motorischen Parforce-Ritt hinzulegen, lässt Tetzlaff auch hier das unerbittlich Schicksalstrunkene in Schostakowitschs Musik durchbrechen.

Guido Fischer, 18.10.2014



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