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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Clavier, Teil I

Pierre-Laurent Aimard

Deutsche Grammophon/Universal 4792784
(113 Min., 3/2014) 2 CDs

Wer glaubt, dass Ehrfurcht und Demut aus unserer Welt verschwunden seien, hat noch nie einen Pianisten über Bachs Wohltemperiertes Klavier sprechen hören. Die Sammlung von Präludien und Fugen in allen Tonarten wurde von Bach als Studienwerk für seine besten Schüler angelegt. Die Tatsache, dass dieses Werk seitdem in ungebrochener Folge von Meister zu Meisterschüler weitergegeben wurde, trägt auch noch heute erheblich zu seiner Aura bei, und wer es einspielt weiß, dass er sich anmaßt, sich im Namen Bachs selbst das Meisterzeugnis auszustellen.
Nun hat Pierre-Laurent Aimard diesen Schritt gewagt. Seine Ehrfurcht vor dem Werk ist der Interpretation eingeschrieben: Forschend und den Ausdruck eher im zärtlich Tasten und Töne berührenden Piano als im Forte suchend, nähert sich Aimard Bachs Kosmos. Der Aufführungspraxis der Bach-Zeit erweist er meist in einem leichten, kurz getupften, aber nach Bedarf durch Pedal subtil verlängerten Anschlag seine Reverenz, der an den hellen, aber reichen Klang französischer Cembali erinnert, ohne ihn kopieren zu wollen. Die Fugen sind transparent und klar, und auch wenn Aimard bei den strenger gearbeiteten Sätzen seinem Anschlag einen Hauch mehr Gewicht gibt, als habe er hier eine schwergängigere Tastatur in Bewegung zu setzen, wirken die Themeneinsätze doch nie überartikuliert oder didaktisch. Verglichen mit dem klanglich weniger geschliffenen, aber bunter und rhetorischer artikulierenden András Schiff haftet Aimards Spiel bei allem Zauber allerdings auf die Dauer auch etwas Kalkuliertes an. Und so kommt es einem vor, als verstecke der Pianist seine Subjektivität bisweilen aus allzu großer Demut hinter einem – allerdings äußerst feinsinnig und liebevoll konstruierten – künstlichen Spielwerk.

Carsten Niemann, 29.11.2014



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