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Gabriel Fauré

Violinsonaten A-Dur op. 13, e-Moll op. 108

Isabelle Faust, Florent Boffard

HMF/Harmonia Mundi HMC 901741
(61 Min., 1/2001) 1 CD

Setzten Trevor Pinnock und Roger Norrington sich an einem Februarmorgen in einem Hörsaal unter eine Neonröhre und spielten Faurés erste Violinsonate vom Blatt, es käme ein inspiriertes Schwelgen heraus verglichen mit dem, was uns hier geboten wird.
Man könnte ein Metronom aufstellen, und Isabelle Faust und Florent Boffard würden seinem Schlag um kein Hundertstelsekündchen untreu im Kopfsatz dieser A-Dur-Sonate. So exakt ausgezählt wirkt schon das erste Thema in seiner eckigen Ungelenkheit fast banal. Was aber schwerer wiegt als dieses Rechenschieber-Metrum: Man findet in diesem Stück keinen einzigen Takt, in dem der Zauber von Faurés süßer Melodik und seiner schillernden, raffinierten Harmonik ausgekostet würde. In mechanisch-barockem moto-perpetuo wird durchgebürstet, ohne auch nur zu erwägen, dass diese reiche Faurésche Notation der kleinen Crescendi eben auch agogisches Ereignis werden müsste, um buchstabierten Text in Musik zu verwandeln.
Fausts Kantilenen aber gleichen toten Bandwürmern. Nicht ein winziges Atmen, nicht das kleinste, genießende Dolce-Verschleifen gestattet sie sich. Immer bloß ungerührt geradeaus. Ich musste geradezu aufschreien vor Ärger bei jenem rezitativischen, kühn modulierenden Moment des Nachsinnens vor der Schlussgruppe (diminuendo, poco rit., Takt 77ff. - einmal ganz pedantisch vermerkt), über die Faust und Boffard in völliger Ratlosigkeit hinweggehen, als genierten sie sich für diese Zäsur im uhrwerkhaften Duo-Schnurren.
Genauso missraten ist der verhauchende Pianissimo-Schluss der Durchführung mit dem plötzlichen, jähen ff-Aufschrei der Violine. Wo bleibt das innere Engagement der Geigerin? Dies sind tote, musiklose Sekunden. Ein Aufzählen des achtlos Vergebenen wäre so unendlich wie überflüssig. Das ganze Werk ist verloren, und der zweiten Sonate, diesem bitteren, kargen Spätwerk ausgebrannten Romantizismus, ergeht es kaum besser. Viel zu schnell, zu ungerührt rennen die Interpreten durch den Kopfsatz, das Ohr findet keinen Halt, die herben harmonischen Wendungen zu erleben.
Mit dem Vorsatz, über jede mögliche Zäsur hinwegzuspielen, um ja die Ganzheit nicht der Gefahr spätromantischen Zergehens auszusetzen, wird diese Musik schockgefroren. Es gibt eine kammermusikalische Minimaltemperatur, unter der jedes Leben erfriert - ein hoher Preis für Präzision und Unsentimentalität.

Matthias Kornemann, 13.06.2002



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