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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Ich weiß ja nicht, welche Opernführer Sie benutzen - meine jedenfalls listen mit erstaunlicher Hartnäckigkeit Stücke auf, die schon seit etwa fünfzig Jahren oder mehr von den Spielplänen verschwunden sind. Das kann einen schier wahnsinnig machen vor Neugier: Warum, so denkt man, sollten sich so herrliche romantische Schmöker wie Marschners "Vampyr" oder eben auch Friedrich von Flotows "Alessandro Stradella" nicht mit mindestens so viel Vergnügen erleben lassen wie ein Filmklassiker mit Romy Schneider oder Theo Lingen? Großer Dank gebührt darum Helmuth Froschauer: Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, einige der versunkenen Flagschiffe des Repertoires zu bergen. Froschauers Orchester verfügt über eine große Bühnenpräsenz, die Tempi sind belebt und der Ausdruck überzeugt durch hörbare Begeisterung, die auch Banales mit einem gewinnenden Lächeln verkünden kann. Mühelos und atmosphärisch erzählt sich so die teilweise auf wahren Begebenheiten beruhende Story um den berühmten Sänger und Barockkomponisten, der mit einer venezianischen Schönheit durchbrennt, von gedungenen Mördern verfolgt wird, bis diese nach Anhören einer Räuberballade und einer Marienhymne des Meister von ihrem Vorhaben ablassen. Flotow bietet in dem durchkomponierten Werk zahlreiche eingängige lyrische Schmachtfetzten, denen er jedoch immer die Schwere nimmt: Er tut dies Dank eines in Paris erlernten französischen Singspieltons, der der deutschen Oper der Wagnergeneration sicher auch gut getan hätte. Leider lassen die Hauptdarsteller der mitschaffenden Phantasie des Hörers jedoch noch Spielraum: Jörg Dorfmüller als Stradella und Sabine Paßow als seine Braut bewältigen ihre Partien mit solider Technik und überzeugen durch Wortverständlichkeit; es gelingt ihnen jedoch nicht, hinter der biedermeierlich verputzten Textfassade den schwelenden Wahnsinn der alten Schellackinterpretationen aufschimmern zu lassen - jene heimliche Faszination an Vagabundenromantik, gewaltbereitem Eros, schwärmerischer Religiosität und künstlerischem Freiheitsdrang, die unsere Urgroßeltern einst massenweise in diese Oper strömen ließ.

Carsten Niemann, 12.11.2005



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