Emilio de Cavalieris „Rappresentatione di Anima et di Corpo“, die im Jahre 1600 uraufgeführt wurde, ist gattungsgeschichtlich so etwas wie der Neandertaler der Musikgeschichte: Auf der einen Seite gehört sie der ausgestorbenen Spezies des Mysterienspiels an, doch auf der anderen Seite hat sie mit ihrem modernen Deklamationsstil wichtige Gene an die Oper wie auch das Oratorium weitergegeben. 2012 hat René Jacobs das Werk zusammen mit dem Regisseur Achim Freyer an der Staatsoper Berlin als circensisches Welttheater aufgeführt, und die äußere Opulenz überträgt sich auch auf die musikalische Ausgestaltung. Cavalieri ließ den Interpreten insbesondere in der Instrumentalbesetzung nämlich beträchtliche Freiräume – und Jacobs zieht alle Register: Die Akademie für Alte Musik ist in mehrere Klanggruppen aufgeteilt, die teils als „Himmelsorchester“ aus der Ferne, teils mit „irdischen“ Klängen von Gamben, Zinken oder Posaunen von der Seitenbühne spielen. Auch der Chor wechselt effektvoll zwischen Soli und Tuttibesetzung. Die moderne Seite der Partitur betonend setzt Jacobs die Instrumente nicht nur als Farbe ein, sondern lässt sie auch motivisch ein Wörtchen in den Soli mitreden – etwa, wenn zum Wort „Reichtum“ ein ganzes Bläserensemble einsetzt oder die Instrumente zum Schluss mit der verklärten Seele, die sich gegen den Körper durchgesetzt hat, in einer Himmelsleiter nach oben steigen. All das ist in seinem Klangreichtum, seiner Präzision und intelligenten Deklamation herrlich anzuhören. Im Vergleich mit Christina Pluhars früherer, in den Rezitativen schlanker besetzten Einspielung, die auch die Einflüsse von volkstümlichen spirituellen Gesängen stärker betonte, wirkt Jacobs' Interpretation allerdings auch eine Spur schwerfälliger: Während er die Zuhörer mit Himmel und Hölle beeindruckt, wissen Pluhars Protagonisten auch mal mit bloßem Charme von ihrer Heilsgewissheit zu erzählen.

Carsten Niemann, 07.03.2015



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