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Sound Prints (Live At Monterey Jazz Festival)

Joe Lovano, Dave Douglas

Blue Note/Universal 4710914
(52 Min., 9/2013)

Wer erinnert sich noch an die ersten Klangbrocken von Ornette Colemans Album „Free Jazz“? Einige Musiker, die ihm huldigten, griffen das impulsive Gewusel in den 1960ern auf – und nun auch der Saxofonist Joe Lovano und der Trompeter Dave Douglas. Sie denken dabei allerdings weniger an den unorthodoxen Freigeist, sondern an einen, der mit der Dank Coleman gewonnenen Freiheit für den Jazz in völlig neue Bereiche vordrang: Wayne Shorter. Folgerichtig verweilen sie nur kurz bei der Reminiszenz, bevor sie sich in ein dichtes Geflecht aus vorgegebenen Strukturen und spontanen Improvisationen begeben, das ähnlich dicht geknüpft ist wie es die Stücke in den Konzerten des Quartetts von Wayne Shorter sind. Der hat ihnen sogar, nachdem „Sound Prints“ zusammen mit seinem Quartett 2001 auf Europatournee war, für den Auftritt beim Monterey Jazz Festival am 21. September 2013 zwei Kompositionen geschenkt. „Detailliert und sehr präzise“, charakterisiert Lovano die handgeschriebenen Notenblätter und ergänzt: „Wayne sagte uns aber, dass die Melodien lediglich Vorschläge seien und dass wir unsere eigenen Geschichten erzählen sollten.“ Das entspricht der Haltung, die Shorter auch im eigenen Quartett zur Maxime gemacht hat. Es gibt Vorgaben: Melodien, arrangierte Muster, Harmonien, Rhythmen, Spannungsbögen, Breaks, Instrumentenkombinationen, aber auf diesen Grundlagen wird jeden Abend ein neues Stück gezaubert.
Im Team der Bandleader mit der Bassistin Linda Oh, dem Pianisten Lawrence Fields und dem Schlagzeuger Joey Baron bleibt auch bei „Sound Prints“ das Geschehen stets in der Schwebe, voll von Freiräumen, die es erlauben, spontan die Richtung zu wechseln, sich zurückzunehmen oder in den Vordergrund zu treten. Aber auch dann werden keine Soli im klassischen Sinn gespielt, denn die übrigen Bandmitglieder spinnen an den Fäden mit, greifen ein, lenken um, setzen fort, was skizziert wurde. In den Soli wiederum gibt es Passagen, die im Unisono mit einem der anderen Instrumente gespielt werden: Das ist gelebte, erarbeitete, geprobte oder gewachsene Komposition, bei der die Grenzen zwischen Vorder- und Hintergrund fließen. „Destination Unknown“ und „To Sail Beyond The Sunset“ heißen die Shorter-Werke sinnigerweise, und mit „Sound Prints“ und „Weatherman“ beziehungsweise „Spirits“ und „Power Ranger“ steuerten Lovano und Douglas je zwei Werke bei, in denen gelegentlich wie aus dem Nichts vage, oft keinen Takt lange Erinnerungen an Stücke Shorters hereinwehen: augenzwinkernde Erinnerungen daran, auf wen sie sich beziehen. Denn in die Falle, ihren Tribut an Shorter mit einer Neuinterpretation von dessen Stücken zu bestreiten, sind „Sound Prints“ nicht getappt. Ganz im Sinn des großen Komponisten und Improvisators Shorter schaffen sie etwas Neues, in dem sich spiegelt, wie intensiv sie sich mit der musikalischen Gedankenwelt des Geehrten, einem der freigeistigsten Musiker des Jazz, befasst haben.

Werner Stiefele, 11.04.2015



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