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Stereo

Rolf Kühn

MPS/Edel 0210290MS1
(40 Min.)

Der Klarinettist, Bandleader und Komponist Rolf Kühn ist ein Monument der Emanzipation des europäischen Jazz aus inniger amerikanischer Akkulturation im Swing über sich befreienden Bebop zum europäischen Free Jazz. Vor allem aber ist der mittlerweile 85-Jährige Leiter einer der aufregendsten Working Bands der Berliner Szene. Seit acht Jahren spielt er mit dem Gitarristen Ronny Graupe, dem Schlagzeuger Christian Lillinger und dem Kontrabassisten Johannes Fink. Kühn ist mit fanatischem Übefleiß seiner Klarinette stets treu geblieben, wohl gerade weil deren Ton zu Klarheit zwingt und sich Expressionistisches nur über entsprechende Linienführung und eben ein entsprechendes Bandkonzept transportieren lässt. Mit seinen Partnern aus der Enkelgeneration hat Kühn die idealtypischen Mitspieler für eine Studioproduktion, die bewusst auf traditionelle Stereotechnik inklusive Pingpong-Effekte und eines über die Gesamtbasis gespreizten Schlagzeugs setzt, nicht als Gag, sondern im Dienst des musikalischen Ausdrucks: Neun der zehn abwechslungsreichen Kompositionen, von denen sechs von Kühn selber stammen, haben alle etwas von einer abstrakten Kürzelhaftigkeit, die nach Auflösung in durchaus melodische Substrukuren drängt. Diese Auffächerung wird im Klangbild verortet; Christian Lillinger pulversiert die perkussiven Patterns und verdichtet sie synchron zu klangrhythmischen Zellen, ohne sie je zu verklumpen. Ronny Graupe fügt die Klänge in faszinierende Texturen mit einer Anmutung, die an die frühe Zusammenarbeit von Gábor Szabó mit Charles Lloyd bei Chico Hamilton erinnert, und „Der Rote Bereich“ irrlichtert dazu. Auf Zusammenhalt bedacht grundiert Johannes Fink mit kräftigem Ton – auch con arco – das zirkuläre Geschehen. Für sich steht Kühns unbegleitete bewegende Interpretation von Gordon Hill Jenkins‘ „Goodbye“, wobei er mittels Overdub-Technik mit sich selbst im Duo musiziert. Auch bei den Tutti-Aufnahmen kamen diskrete Nachbearbeitungen zum Einsatz, die die Stimmigkeit dieses großartigen New-Jazz-Albums unterstreichen und seinen interaktiven improvisatorischen Charakter keineswegs schmälern.

Thomas Fitterling, 27.06.2015



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