Auf Basis eines Librettos von Paul Claudel schuf der Franko-Schweizer Arthur Honegger sein Oratorium „Jeanne d’Arc au bûcher“. Das Werk für großes Orchester, Chor sowie Sänger und Sprecher behandelt, ohne in chronologischer Folge eine Geschichte zu erzählen, Szenen aus dem Leben der Jeanne d’Arc vor dem Hintergrund des Skandals ihrer Verurteilung und Hinrichtung.
Marc Soustrot verwirklichte das monumentale Stück 2012 in Barcelona. Neben einer CD-Version dokumentiert auch die vorliegende DVD dieses Ereignis. Für die gesprochene Titelrolle konnte die Schauspielerin Marion Cotillard gewonnen werden; sie verkörpert Jeanne mit hoher sprachlicher Kompetenz überzeugend in all ihrer Einfachheit und Unbescholtenheit und ist eindeutig Hinhörer wie Hingucker dieser Produktion. An ihrer Seite steht Xavier Gallais als Frère Dominique, der versucht, ihr die grotesken Vorgänge des Prozesses begreiflich zu machen. Unter den Gesangssolisten sticht Yann Beuron u.a. in der Partie des Richter Cauchon (Porcus) hervor. Gegen ihn fallen vor allem die weiblichen Gesangssolisten mit ihrem teils heftigen Vibrato deutlich ab.
Honeggers Musik begleitet besonders die dramatischen Entwicklungen der einzelnen Szenen auf durchaus fesselnde Weise; im sinfonisch besetzten Orchester befinden sich zusätzlich die 1923 entwickelten „Ondes martenot“, ein elektronisches Instrument, das schaurige Glissando-Effekte ermöglicht. Insgesamt kann man der Partitur eine gewisse Filmmusik-Affinität nicht absprechen – gerade die Melodram-Effekte (gesprochenes Wort über Orchesterklang) weisen ein wenig in diese Richtung. Aber der Vermittlung der Jeanne-d’Arc-Thematik tut diese effektvolle Ausrichtung der Musik durchaus gut.

Michael Wersin, 01.08.2015



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