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Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 10, Passacaglia

Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons

Deutsche Grammophon/Universal 4795059
(65 Min., 4/2015)

Mit einer der rätselhaftesten Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch läuten Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra nun auch auf CD ihre Zusammenarbeit ein, die vorerst bis zum Jahr 2022 gehen soll. 1953 schrieb Schostakowitsch seine 10. Sinfonie einerseits unter dem Eindruck des Todes von Stalin. Trotzdem war Schostakowitsch noch lange nicht die dunklen Schatten losgeworden: Die kunstpolitischen Knebel des sozialistischen Realismus sollten noch über die Uraufführung der Zehnten hinaus bestehen bleiben. Wie viel Autobiografie, Drama, Leid und Tragödie stecken also in diesem viersätzigen Werk? Wenn man nach Nelsons geht, der seit seinen Studienjahren in der ehemaligen Sowjetunion ein vertrautes Verhältnis zu den Sinfonien von Schostakowitsch hat, ist die Zehnte zwar der Spiegel eines weiterhin unter Hochdruck und Repression stehenden Menschen und Künstlers. Dennoch überzeichnet Nelsons die Partitur nicht, um einem den Schock in die Glieder fahren zu lassen. Allein der riesige, knapp halbstündige Eröffnungssatz ist an durchgehender Eindringlichkeit kaum zu überbieten. Zumal das Boston Symphony Orchestra auch in den zerbrechlichsten Passagen die Innenspannungen hochhält, um immer wieder mit körperreichem Melos so manche Anklänge an Tschaikowski und Mahler zu gestalten – ohne dabei das Organische dieses riesigen Satzgefüges nur für eine Sekunde zu durchschneiden. Bedrohlich, aber eben nicht wie eine x-beliebige, banale „Stalin“-Karikatur bricht danach das sarkastische Allegro los. Und in den Klagegesängen, mit denen das Finale erst in den Bässen und dann in den Holzbläsern anhebt, lässt das Orchester in Sachen intensiver Klangentfaltung bei gleichzeitiger Plastizität keine Wünsche offen. So sehr Nelsons mit der Zehnten wohltuend auf Abstand zu den schablonenhaften Deutungen geht, so steht dieser Live-Mitschnitt aus der Bostoner Symphony Hall dennoch unter dem Titel „Unter Stalins Schatten“. Und wie zur Rechtfertigung gibt es vorab die wohl brutalstmöglich gespielte Passacaglia aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk”, mit der 1934 bekanntermaßen Schostakowitschs Schicksalsweg begonnen hatte.

Guido Fischer, 08.08.2015



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