Wenn Klassik-Kenner von „Beechams Zauberflöte“ sprechen, dann meinen sie diese Aufnahme: Die erste Gesamteinspielung der Oper (allerdings ohne Dialoge), die 1937 und 1938 in Berlin entstand. Eigentlich sollte dieses Projekt in England eingespielt werden, wo man im Rahmen des gerade frisch gegründeten Glyndebourne-Festivals sowieso gerade Mozart aufnahm. Doch Beecham nahm das Angebot aus Deutschland an, verkrachte sich dabei mit dem Glyndebourne-Gründer John Christie und legte schließlich eine Aufnahme vor, die nicht nur als seine beste Mozart-Arbeit gilt, sondern auch den Vorteil besitzt, von deutschsprachigen Sängern interpretiert zu werden.
Die Einspielung machte so viel Arbeit, dass man mit der vorgesehenen Zeit nicht zurecht kam. Am Ende musste die Arie „Oh zittre nicht...“ noch im März 1938 gesondert aufgenommen werden. Beecham blieb in England; für die eine Nummer ging Bruno Seidler-Winkler in Berlin ans Dirigentenpult. Beechams Mozart-Auffassung ist für denjenigen, der moderne Einspielungen (womöglich in authentischer Praxis) kennt, ungewöhnlich: Pathos und Zurückhaltung in punkto Tempo prägen die Ouvertüre (noch nie habe ich eine so lange Generalpause vor dem „dreimaligen Akkord“ gehört).
Doch Beecham kann auch dramatisch: Er greift den roten Handlungs-Faden des furiosen Beginns gleich auf, zeigt sich dann jedoch als flexibler Diener der Gesangssolisten, die im Gegensatz zu den meisten heutigen Kräften das große Talent besitzen, über das Dreißiger-Jahre-Mikrofon echte Theateratmosphäre auf die Platte zu zaubern. Da vergisst man alle unsauberen Nötchen in den Koloraturen der Königin der Nacht, alle angeschliffenen Töne in Sarastros „heiligen Hallen“ und alle Mono-Unzulänglichkeiten – Erna Berger, Helge Roswange, Gerhard Hüsch und die anderen wissen ihre Rollen nicht nur zu singen, sondern musikalisch zu verkörpern. So hat diese Zauberflöte Referenzcharakter und ist hervorragend geeignet, die Faszination historischer Aufnahmen kennen zu lernen.

Oliver Buslau, 28.06.2001



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