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Wild Dance

Enrico Rava

ECM/Universal 4732228
(67 Min., 1/2015)

Angesichts dieses Albums werden wohlfeile Elemente aus dem Textbaukasten der Jazzkritik erlebte Wahrheit, etwa die vom 76-jährigen Enrico Rava als einem Miles Davis Italiens, bei dem die coole Lyrik stets in der warmen Farbtemperatur des mediterranen Südens erstrahlt. Auch das Diktum vom Jungbrunnen generationenübergreifender Bandprojekte trifft zu, allerdings nicht einfach als Metapher dafür, dass der Trompeter im hohem Alter immer noch auf der Höhe seiner technischen Fähigkeiten ist; hier bedeutet das, dass alle Mitglieder von Ravas Quartett – samt Gast Gianluca Petrella an der Posaune – eine ganz und gar jetzige Musik machen, eine, die immer auch von einer altersweisen Tiefe kündet, die sich nach vorne orientiert. Für diese Orientierung steht Francesco Diodati, der Gitarrist anstelle eines Pianisten. Rava kommentiert das so: “Auf der Gitarre kann man keine [dicken] Akkorde mit zehn Fingern auf einmal spielen.“ Tatsächlich ergänzen sich die berückenden Linien des Trompeters mit den delikat transparenten Klängen Diodatis in herrlicher Symbiose. In druckvollen Titeln jubelt die Gitarre auch schon mal mit langgezogener Verzerrung. Doch Finesse ist das Grundelement dieses Albums. Dazu kommen – quasi im Sinne eines melodisch-rhythmischen Energie-Erhaltungssatzes – die sich in steter Bewegung befindenden und sich kongenial ergänzenden Interaktionsströme von subtiler Freiheit. Ganz große Kl¬asse in diesem Sinne sind dabei Schlagzeuger Enrico Morello und Kontrabassist Gabriele Evangelista. Auf acht der vierzehn Stücke, die allesamt bis auf eine Gruppenimprovisation der Feder des Leaders entstammen, erfährt der Trompeter in dem etwas deftigeren und doch vergnüglich komplementären Posaunisten Gianluca Petrella einen idealen Widerpart. Wunderbar abwechselnd ist die Programmfolge von offenen balladesken Formen über vertrackte Postbop-Muster zu ausgebufft stiebenden Rockrhythmen – und all das unter dem Primat des Melos.

Thomas Fitterling, 07.11.2015



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