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N° 1237
22. - 28.01.2022

nächste Aktualisierung
am 29.01.2022



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Johann Sebastian Bach

Die Kunst der Fuge BWV 1080

Schaghajegh Nosrati

Genuin/Note 1 GEN15374
(85 Min., 1/2015)

Ein Hauch von Glenn Goulds Geist weht durch diese Einspielung der „Kunst der Fuge“: Nicht dass Frau Nosrati Bachs musikalische Linien so gegen den Strich artikulieren würde, wie Gould das gelegentlich tat. Nein, vielmehr spürt man in der vorliegenden Einspielung ebenso wie bei Gould jene faszinierende Ruhe und Besonnenheit, mit der sich Bachs Kontrapunkt nur dann entfaltet, wenn er vom Interpreten zutiefst verstanden und verinnerlicht wurde. Die Wiedergabe mit zwei Händen ist dann, sofern die manuellen Fähigkeiten vorhanden sind, nur noch die Konsequenz aus jenem individuellen Erkennen und Erleben der Musik, mit dem ein überlegener Interpret wiederum als optimaler Vermittler an den Hörer herantreten kann.
All dies hören wir bei der jungen Bochumerin Schaghajegh Nosrati, wenn sie Bachs Spätwerk darbietet – als CD-Debüt wohlgemerkt, was man nur so lange für besonders ungewöhnlich hält, wie man diese Interpretation noch nicht gehört hat. Im selbst verfassten Beihefttext präsentiert sich die junge Dame selbstbewusst als gründliche Kennerin der Materie und offenbart, dass sie mit der „Kunst der Fuge“ auch schon reichlich Aufführungserfahrung hat. Auch spricht sie davon, dass sie die „schier unerschöpfliche narrative Kraft“ dieser Musik für deren größtes Wunder hält. Das scheint uns gerade in Bezug auf dieses Werk ein sehr wichtiger Aspekt zu sein: Bachs letztgültige Aussage zum Thema „Fuge“ ist kein Museum, sondern ein bis heute lebendiges bzw. belebbares poetisches Meisterwerk. Von hier aus wird jener warme, persönliche Tonfall fassbar, den Nosrati in ihrer Umsetzung erreicht, jene direkt ansprechende Qualität ihres Spiels, die in profundem Wissen um die Sache gründet und sich in einem ebenso überlegten wie auch leidenschaftlichen Vermittlungswillen fortsetzt. Glenn Gould, der Solipsist, erreichte das in vielen großen Momenten, in denen er durch sein Spiel über seine Einsamkeit hinwegzutäuschen vermochte. Schaghajegh Nosrati vollbringt dieses Kunststück zweifellos aus einer bodenständigeren, gesünderen Haltung heraus.

Michael Wersin, 14.11.2015



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