Ist unser Gehör jetzt auch schon metrosexuell? Mehrfach ertappt man sich in dieser Neuaufnahme bei der Ungewissheit, ob hier nun eine Frau singt – oder ein Mann. Das liegt nicht etwa daran, dass Philippe Jaroussky (Arsace) – während der Sänger mit den grauen Schläfen George Clooney immer ähnlicher wird – stimmlich soubrettiger, gläserner, spitziger geworden ist. Sondern daran, dass Teresa Iervolino ihren dunklen Herrenschokoladen-Mezzo überaus maskulin der zykrianischen Prinzessin Rosmira anschmiegt. An so viel Gender-Verwechslung wird man angenehm irre.
„Partenope“ stand lange im Schatten der großen Meisterwerke wie „Alcina“ und „Giulio Cesare“. Komponiert 1730 – fünf Jahre nach „Rodelinda“ und drei Jahre vor „Orlando“ – fällt das Werk in die Zeit einer Neupositionierung (nach Anfangsschwierigkeiten des Komponisten mit der Londoner New Academy). Händel hatte bemerkt, dass er weniger heroisch, dafür – auch bei ernsten Stoffen – lockerer und leichter zu Werke gehen sollte. Das schlägt sich in der Geschlechterkomödie dieses Vierstünders untrüglich und zum Vorteil der Sache nieder. Musikalisch ist „Partenope“ so gut – und kommt auf den letzten Metern noch einmal derart in Fahrt –, dass man sich über die stiefmütterliche Behandlung wundert. Die von Donna Leon gesponsorte Gesamtaufnahme ist erst die vierte überhaupt (nach Sigiswald Kuijken 1979, Nicholas McGegan 2001 und Christian Curnyn 2005). Und die am besten besetzte.
Die kanadische Sopranistin Karina Gauvin, in Deutschland leider zu unbekannt, singt die Titelrolle mit unexaltierter Eleganz und Grandezza. Wunderbar wendig und geschmeidig: Luca Tittoto als Barock-Bass (Ormonte). In der Rolle des Emilio gibt es ein Wiederhören mit dem britischen Tenor John Mark Ainsley. Das Ensemble „Il Pomo d’Oro“ – als ‚Nachfolgetruppe‘ von Alan Curtis’ „Complesso Barocco“ – ist eines der zurzeit meistbeschäftigten, aber auch besten Ensembles mit barocker Italianità. Endlich eine erstrangige „Partenope“ – mit Jaroussky als Star. Und man lernt: Die Frage, ob Mann oder Frau, liegt immer mehr im Ohre des Betrachters.

Robert Fraunholzer, 14.11.2015



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