Als Georg Solti 1974 seine erste Studioversion von Mozarts tragischer Komödie "Così fan tutte" veröffentlichte, lösten seine schnellen Tempi, sein feuriger Musizierstil heftige Kontroversen aus in der noch sehr dem romantischen Aufführungsstil verhafteten Mozart-Gemeinde. Wenn er heute, zweiundzwanzig Jahre später, eine neue Interpretation der Oper vorlegt, dann steht er mit seinem neuerlichen Plädoyer für noch zügigere Tempi, für eine kleinere Kammerorchesterbesetzung und für die heutigen "leichteren" Mozart-Stimmen längst nicht mehr alleine da: Die Originalklang-Revolution der letzten Jahre hat auch für die Wiener Klassik ein ganz neues, lebendig-authentisches Hörbewusstsein geschaffen.
Als ob er diese von ihm noch immer skeptisch beäugte Konkurrenz überflügeln wollte, versucht Solti aber erneut, den Rekord an sich zu reißen, und entfacht in Mozarts doppelbödiger Parabel eine derart atemlos-rasante Buffa-Hektik, daß die komplette psychologische Seite der Handlung, ihre zahlreichen expressiven Ruhepunkte und tragischen Schattierungen ausgeklammert bleiben, fortgespült werden von der perfekt geölten, gnadenlosen Motorik einer gefällig dahinsprudelnden Buffa-Dramaturgie ohne Seelenbeschau und tieferen Sinn.
Die sechs renommierten Vokal-Protagonisten scheint das kaum zu stören, denn Soltis lean cuisine schont die Stimmen und erspart interpretatorische Reflexion. Und da auch die Tonmeister das Klanggeschehen in gedämpfte Halbdistanz rücken, bleiben auch die einzelnen Rollencharaktere mitsamt ihren Verwandlungen unscharf und austauschbar: Frank Lopardo gestaltet die Partie des empfindsamen Ferrando mit routinierter italianità und belegtem, gräulichen Spinto-Ton, während Olaf Bär als Guglielmo (mit deutlich mäßigerem Italienisch) die nötige Baritonfülle vermissen lässt, um sich stimmlich "absetzen" zu können. Unausgereift und eindimensional auch der merkwürdig strapaziert klingende Bariton des dreißig Jahre alten Michele Pertusi in der Partie des Zynikers Don Alfonso. Nicht optimal besetzt ist auch das Damentrio mit der hochdramatisch vibrierenden, aber larmoyanten Fiordiligi Renée Flemings, dem metallisch-scharfen, harten Mezzo Anne Sofie von Otters in der Partie der "sinnlichen" Dorabella und den schablonenhaften Soubretten-Sticheleien Adelina Scarabellis als Despina.
Insgesamt also eine recht zwiespältige Wiederbelebung alter Tugenden, die sich der vierundachtzigjährige Maestro hier leistet, und eines leichtverdaulich-lockeren "Mozart-Glücks", das nur noch den funkelnden Zeitvertreib, den atemlosen Lebensrhythmus, aber keinerlei Reflexion noch große Gefühle duldet.

Attila Csampai, 28.02.1996



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top