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Claude Debussy, Lin Yang, Maurice Ravel

Blue (Streichquartette)

Amaryllis Quartett

Genuin/Note 1 GEN15373
(72 Min., 10/2013, 3/2014 & 1/2015)

Angespannte Suche nach einem eigenen französischen Weg, entspanntes Schwelgen in einer schimmernden Fin-de-siècle-Süße: Zwischen Debussys und Ravels Streichquartetten ist die 1982 entstandene Neuschöpfung der Chinesin Lin Yang gut gebettet – zudem auch im satten Spektrum der zahlreichen Blautöne, das diese CD außen und innen prägt. Synästhesie ist eine Gabe, die das Empfinden vieler künstlerisch inspirierter Menschen erweitert, und man muss zugeben: Das Blau ist für dieses Programm irgendwie ein gut gewählter Farbton.
Die Musiker des Amaryllis Quartetts treffen, in stilistischer Hinsicht, mit großer interpretatorischer Sicherheit gleichfalls den Ton: Ravels puppenstubenhafte, von chinesischen Teetässchen und anderem Nippes gekennzeichnete Realität, die sich – man unterschätze ihn nicht! – musikalisch vor allem in einer zwar süßlich anmutenden, tatsächlich aber hochkomplexen Harmonik niederschlägt, entfließt den Saiten der in höchster Eintracht miteinander Musizierenden mit ebensolcher Selbstverständlichkeit wie die suchenden, forschenden Klänge Debussys, der sich in den 1890er Jahren entschlossen vom Einfluss Wagners losschrieb. Und Lin Yang? Wir hören einerseits Einflüsse traditioneller chinesischer Musik, wie sie u.a. auch beim frühen Tan Dun zu erleben waren. Hilfreich für das Erkunden dieser Musik sind zudem die im Beiheft zu findenden Hinweise auf die „Kunst der Langsamkeit“ und auf den Eindruck, hier würden Klänge wie die aus den Ravel- und Debussy-Quartetten gleichsam „unter ein Vergrößerungsglas gelegt“. In der Tat: Yangs Musik scheint eine andere Art von Zeitlichkeit widerzuspiegeln, eine Konzentration auf das Augenblickhafte. Man kann diese Eigenschaft der Musik durchaus als Kontrast sowohl zum angespannten Streben Debussys wie auch zum zurückgelehnten Schwelgen Ravels betrachten.

Michael Wersin, 26.12.2015



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