Die Verdienste des in Paris lebenden Amerikaners William Christie um die französische Barockoper sind unbestritten. Beim Festival in Aix-en-Provence wusste der Radikalhistorist auch als Mozart-Interpret das Publikum zu begeistern, und so war es abzusehen, daß sein neues Exklusiv-Label Erato seine gefeierte "Zauberflöten"-Produktion auch in einer Studioversion nachreichen würde.
Um so erstaunter nimmt man zur Kenntnis, wie musikalisch inhomogen und eindimensional-gefällig die mit Lorbeeren überhäufte Inszenierung im akustischen Medium geraten ist, auch wenn der überaus selbstbewusste Künstler im Beiheft gleich den "Referenzstatus" für sich reklamiert. William Christie attackiert da zwar recht munter die überholte "romantische" Mozart-Tradition, erweist sich dieser gegenüber aber im musikalischen Resultat als ziemlich inkonsequent und bleibt sowohl konzeptionell wie qualitativ weit hinter den wirklich radikalen Alternativ-Produktionen Norringtons und Östmans (der wirklichen Referenz) zurück.
Da gibt es nicht nur immer wieder leichte Asynchronitäten zwischen dem uninspiriert, aber recht flott aufspielenden Orchester und dem nicht gut aufeinander abgestimmten Vokalensemble, sondern der eklatante Mangel an deutscher Aussprache-Sicherheit läßt auch die zutiefst wienerische Identität der Oper in multikulturelles Niemandsland abdriften. Die beiden deutschen Kräfte (Hans Peter Blochwitz als Tamino, Anton Scharinger als Papageno) können da mit altmodischer Bühnenroutine kaum dagegenhalten, denn die Übermacht der ahnungslosen Radebrecher - am schlimmsten Natalie Dessay als "abwesende" Königin der Macht - ist zu groß.
Einziger sängerischer Lichtblick der uninspirierten Marionetten-Vorstellung: die hervorragende Engländerin Rosa Mannion als Pamina. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Attila Csampai, 28.02.1996



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