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Nachtfahrten

Michael Wollny

ACT/edel:kultur 1095922ACT
(47 Min., 8/2015)

Angesichts des Mega-Hypes, der den 37-jährigen Klavierprofesssor aus Leipzig spätestens seit dem internationalen Verkaufserfolg seines „Weltentraum“-Albums umgibt, fällt es schwer, sich unbefangen mit seiner Musik auseinanderzusetzen. Eine verinnerlichte Stimme warnt selbstkritisch vor hämischer Beckmesserei. Doch zu konstatieren ist, dass Michael Wollny mit diesem neuen Album den melancholischen Ansatz von „Weltentraum“ fortsetzt und weiterhin der Apotheose des Klaviers huldigt, wobei die Triobesetzung nachrangig ist, denn der kollektiv interaktive Ansatz von einst ist auch bei den „Nachtfahrten“ einem sich ganz auf die pianistische Realisierung konzentrierenden Programm gewichen, welches Material aus Filmmusik und Originals von Wollny und von Eric Schaefer verarbeitet, seines Alter Ego am Schlagzeug. Einzige Vorgabe war, dass „die Stücke irgendwie verschattet, aber nicht düster oder abgründig, sondern einladend und strahlend klingen sollten.“ Erreicht wird das durch ein überwiegend balladeskes Musizieren, bei dem sich das Schlagzeug weitgehend auf flächige Klänge beschränkt und der Kontrabass Christian Webers für faszinierende Komplementärlinien sorgt – und wenn das Schlagzeug schon mal zu feinnervigem Ziselieren auf den Becken ansetzt, ist es diskret in den Hintergrund gesteuert; das Klangdesign konzentriert sich auf Wollnys herrlich singenden Klavierklang und feiert des Leaders harmonische Sophistication in atemberaubender Kongenialität. Diese Klaviermusik ist umso fesselnder, da die Spannung der akkordischen Fortschreitungen dem Primat des Melodischen gehorcht, ganz im Sinne Paul Bleys, des zu Beginn des Jahres verstorbenen kanadischen Großmeisters der Reduktion. Das Bedauern über den Verlust der früher so dramatischen dialogischen Konfrontationen im offenen Trio gerät so in Vergessenheit, und so sei denn mit der Höchstpunktzahl nicht gegeizt.

Thomas Fitterling, 09.01.2016



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