Kennt man Händels "Arminio" nur durch die 15 Jahre alte Aufnahme unter Alan Curtis, wird man ihn für eine gute, aber gewiss nicht außergewöhnliche Oper halten. Legt man dann die neue Decca-Einspielung in den CD-Spieler, meint man, ein anderes Werk zu hören, kann man nicht glauben, sich so in der Einschätzung geirrt zu haben. Curtis stand ein technisch wie stilistisch hochkarätiges Ensemble um Vivica Genaux in der Titelrolle zur Verfügung, dem er mit seinem Complesso Barocco aber eine nur mäßig beflügelnde Grundlage bot. Ganz anders dagegen George Petrou und Armonia Atenea, die durch ihr energetisches Spiel die Sänger geradezu nötigen, nicht nur vokal ihr Bestes zu geben, sondern auch interpretatorisch aus sich herauszugehen.
Das Ergebnis ist schlichtweg elektrisierend. Dass Max Emanuel Cencic derzeit einfach unschlagbar ist, hat sich herumgesprochen, die Begeisterung für diese Aufnahme schließt aber ebenso seine Partner ein: Ob Layla Claire und Ruxandra Donose, die in den beiden Frauenrollen aufregend beherzte und entschiedene Charaktere abliefern, ob die in Timbre und Temperament so unterschiedlichen Countertenor-Kollegen Vince Yi und Xavier Sabata oder aber Tenor Juan Sancho und Bass Petros Magoulas – alle liefern packendes Drama pur. Die Virgin-Produktion aus dem Jahr 2000 hatte man der Vollständigkeit halber im Regal stehen, diese hier übernimmt den Stellplatz, weil sie für jede Sammlung absolut unverzichtbar ist.

Michael Blümke, 02.04.2016



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