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Parallax

Phronesis

Edition/harmonia mundi EDN 1070
(57 Min., 10/2015)

Zurück in die Antike. Phronesis, auf Deutsch irgendwo zwischen Klugheit und Vernunft angesiedelt, ist – so Wikipedia – „die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanten Faktoren, Handlungsziele und Einsichten, die der Handelnde kennen kann.“ Wer seine Band so nennt, verfügt entweder über Substanz oder er ist ein anmaßender Hohlschwätzer. Das britische Klaviertrio dieses Namens macht dem Anspruch Ehre. In den meisten Stücken verbindet es kleine rhythmische und melodische Einheiten zu anspruchsvollen Patchworks, in denen die einzelnen Teile so kunstvoll an und über die anderen genäht werden, dass ein mehrschichtiger Teppich aus Flicken, zarten Fäden und dickem Zwirn entsteht. Diese wiederum sind nicht nach bester Schneiderart regelmäßig und mit der Maschine genäht, sondern mal zu mehreren Schlingen geballt, dann wieder lückenhaft, oder auch mit unregelmäßigen Stichen geheftet.
Der Pianist Jasper Høiby, der Kontrabassist Ivo Neame und der Schlagzeuger Anton Eger greifen die vom Esbjörn Svensson Trio durchgesetzte Linie der Post-Rock-Jazztrios auf. Ihre Stücke basieren auf Rhythmen, in denen sich Einflüsse von Rock, Ethno und Hip Hop spiegeln, und ihre Themen verfügen über starke, zu Variationen einladende Charakteristika, laden aber keinesfalls zum Nachsingen ein. Ist das vernünftig und klug? Oder eine rein pragmatische Antwort auf die Atomisierung von Wissen und Beziehungen durch die aus der allseitigen Verfügbarkeit von zusammenhangslos dargebotenen Wissenseinheiten? Fakt ist: Die kleinteiligen, auf Kompositionen fußenden und intuitiv weiter improvisierten neun Titel sind Meisterwerke eines Patchwork-Jazz, der aus Bruchstücken größere Einheiten bildet – der Spiegel eines neuen, von einer übergreifenden Gesamtschau weit entfernten Weltbilds. Insofern passt der Name Phronesis auf das Konzept der Band, denn sie fügen die atomisierten Einheiten nach allen Regeln der zeitgenössischen Triokunst zusammen.

Werner Stiefele, 16.04.2016



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