Am Anfang steht Enttäuschung. Da ist dieser neue "Idomeneo" vorab so hoch gelobt worden: wegen seines Dirigenten, der ja tatsächlich als einer der Ersten klassische und barocke Musik aufregend neu klingen ließ; wegen Ian Bostridge in der Titelrolle und nicht zuletzt auch wegen seiner Länge (Mackerras spielt sämtliche Arien, auch die später gestrichenen, und er gibt das Stück nahezu ungekürzt - was dem wohl längsten "Idomeneo" aller Zeiten zu einer Spieldauer von mehr als dreieinhalb Stunden verhilft).
Wenn das Schottische Kammerorchester die Ouvertüre spielt, liegen Superlative allerdings fern. Dafür wirkt das Ganze zu diffus, zu wenig konturiert und (zumal bei den Streichern) zu schlecht koordiniert. Dass Mackerras an instrumentalen Details gefeilt hat, merkt man erst später, bei einigen delikat abgeschmeckten Arien- und Ensemble-Begleitungen. An die Feingliedrigkeit und Vielfarbigkeit etwa von Harnoncourts gut zwanzig Jahre alter Einspielung reicht diese Deutung mit diesem Orchester indes bei weitem nicht heran.
Ian Bostridge allerdings ist wirklich gut. Wobei einzuräumen ist, dass es ihm das Sänger-Ensemble recht leicht macht, sich mit seiner sehr geraden und sehr präzisen Stimmführung, seiner exakten Intonation und mit seinem enorm weit gespannten Ausdrucks-Spektrum zu profilieren. Denn Lisa Milnes Ilias neigt zu Schärfen und zu allzu spitzem Ton; Lorraine Hunt Lieberson gibt den Idamante ohne nennenswertes Profil und mit gelegentlich ungenauer Tonvorstellung, und Barbara Frittolis Elettra leidet zwar recht glaubwürdig, läuft aber immer wieder Gefahr, ins allzu Exaltierte abzugleiten. Hätte Anthony Rolfe Johnson keine Koloraturen zu singen, müsste man seine Interpretation ordentlich finden. Aber Zappen ist bei dieser ganz besonders langen Oper ja nicht nur erlaubt, sondern geradezu einkalkuliert.

Susanne Benda, 20.06.2002



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