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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 1 - 9

Annette Dasch, Ewa Vogel, Christian Elsner, Dimitry Ivashchenko, Rundfunkchor Berlin, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

BPHR 160091
(383 Min., 10/2015) 5 CDs + 3 Blurays CDs

Noch hat Simon Rattle nicht nur einen Koffer, sondern den gesamten Hausstand in Berlin. Doch seitdem sein Abgang nach London und seine Nachfolge in Person von Kirill Petrenko geklärt sind, ist man versucht, schon erste Bilanzen von Rattles Amtszeit bei den Berliner Philharmonikern zu ziehen. Und eine kaum zu überhörende Steilvorlage dafür präsentiert man auf dem orchestereigenen Label „Berliner Philharmoniker Recordings“. In einer backsteingroßen Box liegen alle Neune von Beethoven in einem Live-Mitschnitt aus dem Oktober 2015 aus der Philharmonie vor. Und da selbst ein Dirigent von der Popularität eines Rattle sich diskografisch nur alle Jahrzehnte mit diesem Hochamt der Sinfoniker beschäftigen kann, ist die Erwartungshaltung nicht nur groß. Zugleich hört man die Gesamteinspielung geradezu reflexartig eben auch als Quintessenz einer über eine lange Zeit gewachsenen Beziehung zwischen Dirigent und Orchester.
Wenig überraschend sind zuallererst die unablässig bohrende Dringlichkeit und dieser klassizistisch extreme Feinschliff, mit denen Rattle sich einmal als Verfechter eines auf Authentizität pochenden Zeitgenossen darstellt. Und dass er sich erneut – nach 2003 und dem Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern – auf die von Jonathan Del Mar stammende Urtext-Edition von Bärenreiter bezieht, passt zu einem Beethoven-Bild, bei dem kein romantisches „Verweile doch…“ mehr zählt. Nun muss man nicht auf die historischen Großtaten eines Toscanini, Leibowitz und Solti verweisen, um den Unterschied zu Rattles radikalem Fokus auf die tonsprachliche Entwicklung des Sinfonikers Beethoven klarzumachen. Bereits sein Vorgänger Claudio Abbado hatte bei seiner Beethoven-Gesamtaufnahme mit den Berlinern im Jahr 2000 bewiesen, was für „sprechende“ Charakterzüge von erhaben bis zerklüftet, von gnadenlos impulsiv bis sehnsüchtig kantabel man in der Urtext-Ausgabe entdecken kann. Rattle und die Berliner Philharmoniker gehen dagegen höchst abgeklärt zur Sache. Exemplarisch macht das der langsame Satz aus der „Eroica“ deutlich. Alles befindet sich in diesem kammermusikalisch aufgefächerten Klangbild wie unter einem Mikroskop, bei dem besonders die Bläserstimmen in feinem Licht erstrahlen. Trotzdem ist der Wille zum werktreuen Vollzug allgegenwärtig. Man macht damit zwar alles richtig, korrekt. Leider nur bleibt man im Gegensatz zu den Aufnahmen von all den oben erwähnten Dirigenten völlig unberührt. Und Impulse für ein neues, zukünftiges Beethoven-Bild bietet diese Gesamteinspielung erst recht nicht. In Sachen Beethoven ist das doch schon eine ziemlich ernüchternde Bilanz der Partnerschaft zwischen Rattle und den Berliner Philharmonikern.

Guido Fischer, 21.05.2016



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