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Wolfgang Amadeus Mozart

Klaviersonaten A-Dur KV 331, C-Dur KV 330 u.a.

Elly Ney

Colosseum COL 9024.2
(66 Min., 1961, 1964) 1 CD

Tiefer in den Orkus des Vergessens als Elly Ney dürfte keine ehemals bewunderte Künstlerin des vergangenen Jahrhunderts gefallen sein. Als ich zum ersten Mal in Wien die Wohnung besuchte, in der Beethoven sein „Heiligenstädter Testament“ verfasst hat, an sich schon eine pathetische Sache, lief, nein, leierte dort ein Band, auf dem Elly Ney besagten Text dunkel raunte und sich mit Opus 111 hören ließ. Wir Erstsemester feixten. Ob das Band heute noch läuft? Vermutlich ist es der 1882 geborenen Künstlerin in den Abgrund gefolgt.
Ein Wall aus Anekdoten trennt uns von ihrer Kunst, über ihre verkauzten Vegetarier-Gewohnheiten, all die mitreisenden Kräuterschachteln, über die Anbetung ältlicher Gemeinden, denen sie als Prophetin und wirrhaarige Beethoven-Wiedergängerin erschien, über all dies kann man gewiss schmunzeln. Über ihre Rolle als erste Pianistin des „Reichs“ dann schon nicht mehr. Vielleicht sollten wir trotzdem versuchen, ruhig zuzuhören. Das Nürnberger Label Colosseum veröffentlicht das Vermächtnis der greisen Elly Ney, und diese Reihe, die so beharrlich im Stillen wächst, verdient mehr Beachtung. Vor allem, weil sie mit der tief eingegrabenen Vorstellung aufräumt, Elly Neys Kunst sei tatsächlich durchtrieft vom kaum mehr konsumierbaren, theatralischen Pathos eines abgelebten Klassiker-Stils.
Beginnt man mit Mozart, mag das Staunen groß sein. Der Mozart der greisen Pianistin ist herbe bis zur Bitternis, gelegentlich geradezu schroff. Sind es möglicherweise manuelle Kontrollverluste, die sie die fp-Akzente im dunklen a-Moll-Rondo KV 511 so harsch einbolzen lässt? Keineswegs. Es ist expressive Rücksichtslosigkeit, neben der Mitsuko Uchidas Sicht schubertisch, ja weichlich wirkt. Der Variationssatz der strapazierten A-Dur-Sonate ist sicher ein gültigeres Dokument, gespenstisch regelmäßig in der Minore-Variation, aber auch blühend, alterssüß, wenn die Ney mag.
Wo sind Pathos und Gefühlssättigung des 19. Jahrhunderts? Etwa bei Mendelssohn? Weit gefehlt. Vielleicht falle ich ja selbst ein wenig in die Sprache einer tiefen Vergangenheit, wenn ich Elly Neys „Lieder ohne Worte“ ergreifend nenne. Eine Fünfdundachtzigjährige saß da, verehrt nurmehr von ihren wenigen Altersgenossen, einsam im Studio in einer Zeit, der sie nun wirklich nicht mehr angehörte. Für wen spielte sie eigentlich noch (als hätte sie nicht geahnt, wie wenig Interesse die Nachwelt noch haben würde ...)?
Und mit mehr Ernst, aber auch jener Fähigkeit, eine makellos atmende Kantilene auszusingen, ist diese Musik kaum zu nobilitieren. Ob das Andante con moto op.19/1 ein Lieblingskind alternder Pianistinnen ist? Auch Alicia de Larrocha, weit in ihren Siebzigern, spielte es kürzlich mit jener Wehmut, die unsentimental, echt empfunden wirkt und Mendelssohn für einen Augenblick für uns wachsen lässt. In Schuberts Impromptus mutet dieser eigenwillig-isolierte Altersstil geradezu faszinierend-exzentrisch an. Das Ges-Dur-Impromptu, quälend gedehnt, zerbricht ihr doch nicht, denn wieder scheint die Fähigkeit zur kantablen Artikulation langer Bögen allmächtig.
Wie gesagt, dies sind Nachklänge einer Kunst. Eine Achtzigjährige kann nicht mehr zupacken, wie sie es in ihrer Jugend nachweislich konnte. Die dritte Chopin-Ballade muss ein wenig klapprig werden. Aber disparat, ja lächerlich, ist dieses Klavierspiel keineswegs. Nicht einmal bei Beethoven. Wir staunen über den düster-samtigen Glockenklang eines ganz schlichten Adagios aus der "Mondscheinsonate", diesem Herzstück missdeutender Beethoven-Abnutzung. Gerade die langsamen Sätze sind von einer reifen Unaufgeregtheit und Klangschönheit, die von einer interpretatorischen Souveränität erzählen, für die man wohl so alt werden muss wie die Ney.
Kürzlich, im September, wäre ihr 120. Geburtstag zu feiern gewesen. Zum 125. vielleicht, wenn die Colosseum-Edition vollständig ist, wird man ihre Kunst wieder ausgiebig zu würdigen wissen.

Matthias Kornemann, 05.12.2002



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