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Vars & Kaper deconstructION

Paweł Kaczmarczyk

Hevhetia/Edel 1025781HVR
(72 Min.)

In Polen ist der Pianist Paweł Kaczmarczyk ein Star, bei uns allerdings ist ihm der Durchbruch versagt geblieben. Vielleicht liegt es daran, dass das Genre der Klaviertrio-Musik aus dem Geiste von E.S.T. und Brad Mehldau hierzulande besonders üppig gepflegt wird. Mit seinem neuesten Album auf dem slowakischen Hevhetia-Label sucht sich der 32-Jährige ausgerechnet mit einem Stilmittel von E.S.T aus dem Schatten des legendären schwedischen Trios zu lösen. Die Skandinavier setzten ja bereits im akustischen Kontext des Klaviertrios diskret elektronische Effekte ein. Kaczmarczyk engagierte nun mit Mr. Krime alias Wojciech Długosz eigens einen vierten Musiker für Scratching und elektronische Effekte. Zusammen mit seinen sonstigen Triopartnern Maciej Adamczak am Kontrabass und Dawid Fortuna am Schlagzeug hat er einen Tribut an seine Landsleute Henry Vars und Bronisław Kaper eingespielt. Die waren in den 30er bis zu den 60er Jahren auch in Amerika bedeutende Filmkomponisten, und mindestens ein Kaper-Titel ist sogar zum Jazzstandard geworden. „Green Dolphin Street“ allerdings ist hier nicht zu hören. Aber auch so haben die Melodien eine bekannte Anmutung in Paweł Kaczmarczyks diskreten Anverwandlungen. Er selber nennt das Verfahren deconstructION, aber schon die eigenwillige Schreibweise deutet an, dass hier eine behutsame Transposition in den spezifischen Klavietrio-Kosmos vorgenommen wird, deren Ausführung letztendlich aber durchaus jugendlich selbsbewusst und kraftvoll geschieht. Das Scratching und die Electronics samt polnischer Sprachschnipseln aus den Originalfilmen liefern reizvolle Effekte – so richtig zwingend in die Musik integriert sind sie nicht. Dennoch generiert diese deconstructION eine verführerische und leckere Sahnetorte aus den vereinigten Klaviertrio-Patisserien der Richtung E.S.T., Mehldau und Tingval.

Thomas Fitterling, 30.07.2016



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