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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Escape Velocity

Theo Croker

OKeh/Sony 88875107562
(55 Min., 1 - 5/2015)

Die von Jan Böhmermann etablierte Kunstfigur „Photoshop-Philipp“ mag zwar eine ironisch-alberne Attacke auf den visuellen Schwachsinn in den Zeiten der Bildbearbeitung für jedermann sein – aber im Falle des US-amerikanischen Trompeters Theo Croker liefert sie eine ziemlich seriöse Beschreibungsgrundlage.
Crokers Musik könnte man durchaus als Photoshop-Jazz bezeichnen. In seinen Kompositionen zieht der Trompeter gewissermaßen verschiedene Bildebenen mit musikalischen Schnappschüssen aus der gesamten Geschichte der improvisierten Musik bis hin zu ihren Anfängen in Afrika auf, um sie dann durch magisches Extrahieren, Freistellen und Farbkorrekturen so passgenau übereinanderzulegen, dass eigentümliche Fotomontagen mit neuer Aussage entstehen.
Auf „Escape Velocity”, dem inzwischen vierten Album des Bläsers, gibt es dafür reihenweise gute Beispiele. Bei „Transcend“ etwa wirkt es so, als habe Croker eine Hardbop-Aufnahme aus den 60ern in einen HipHop-Song hineinkopiert, der sich seinerseits in den Konturen des Spacejazz eines Pharoah Sanders bewegt. „It's Gonna Be Alright“ lässt George Clintons P-Funk, Roy Hargroves Partyjazz und Bill Withers Soulsanftmut gemeinsam in einem unwahrscheinlichen Bild auftauchen, „A Call To The Ancestors“ macht die Möglichkeit eines Telefonanrufs bei den afrikanischen Urahnen und bei Duke Ellingtons Trompeter Cootie Williams glaubhaft, „Love From The Sun“ besteht als offensichtlichste Bricolage des Albums aus verschiedenen Versionen eines alten Songs von Crokers Entdeckerin Dee Dee Bridgewater.
Lächerlich wie bei Böhmermann ist das schon allein deshalb nicht, weil Croker bei aller Verspieltheit im Umgang mit verschiedensten Genres auch ernsthafte Themen wie die Polizeigewalt in den USA gegen Schwarze thematisiert („We Can't Breathe“). Photoshop-Theo beweist vielmehr, wie ungemein fruchtbar die neuen Kulturtechniken der digitalen Gegenwart in den Händen von Musikern sein können, die die Geschichte ehren und ihr Handwerk verstehen.

Josef Engels, 13.08.2016



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