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Spotlights

Rolf Kühn

MPS/Edel 0211426MS1
(56 Min.)

Seine Melodien swingen und juchzen. Oder sie zerfließen in Melancholie. Es kann aber auch vorkommen, dass sich Rolf Kühn in freie Gefilde begibt. Oder in semiklassische. Der 87-jährige Klarinettist entzieht sich allen Einordnungen – es sei denn, man beschränkt sich auf die Klassifizierung als Vollblutmusiker und fantastischer Klarinettenvirtuose.
Die zwölf „Spotlights“, die einen Tag nach seinem 87. Geburtstag, dem 29. September, veröffentlicht wurden, vereinen Altersweisheit und Entdeckermut. Für die zwölf Titel hat er sich verschiedene Partner ausgesucht; die Stücke werden auf der knapp einstündigen Disc in einer abwechslungsreichen Folge gruppiert, so dass der Wechsel der Besetzungen kaum auffällt und ein insgesamt homogenes Gesamtbild entsteht.
Die meisten der Stücke erzählen kleine Geschichten. So umgarnen sich in „Conversation One“ Kühns Klarinette und das von Asja Valčić gespielte Cello wie Turteltauben, bevor der Dialog tastender, spröder und distanzierter wird und schließlich doch freudig endet. Fünf Titel weiter, in „Broken City“ kommt es zu einem erneuten, wesentlich besinnlicheren Dialog, und in „A Strange Sunrise“ legt der Tontechniker Volker Greve mehrere Celloschichten übereinander und bereichert das impulsive Geschehen durch abwechslungsreiche Percussion. „Don’t Forget“ heißt der Titel, in dem Rolf Kühns Bruder Joachim am Klavier sitzt: der sprunghafteste aller Titel, in den die beiden Bruchstücke aus Standard-Themen einflechten.
Mit Hamilton de Holanda als Partner kommen mandolinenartige Saitenklänge ins Spiel, und der Sänger Ed Motta setzt mit dunklem Vokalgesang einen Kontrast zum hellen, freundlichen Klarinettenklang. Für den Standard „Laura“ und eine verblüffende Version von Wayne Shorters „Fingerprints“ hat er mit dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, einen mit wunderbarem, reinem Klang intonierenden, einen auch einer völlig anderen musikalischen Welt entstammenden Partner neben sich, wobei gerade aus dem Unterschied in der Spieltradition herrliche Kontraste entstehen.
Der Jazz war Rolf Kühns große Liebe, der er allerdings nach einem erfolgreichen Karrierestart untreu wurde. In den 1970ern zog er sich von der Konzertszene zurück, komponierte Filmmusiken, wurde musikalischer Leiter an verschiedenen Theatern, darunter auch dem Berliner Theater des Westens. Erst Ende der 1990er startete er – inzwischen hatte er die allgemeine Rentengrenze von 65 Jahren überschritten – seine neue Karriere als Live-Musiker. Endlich, denn auch jetzt, in einem Alter, in dem andere zu schwächeln beginnen, erweist er sich erneut als großartiger Virtuose. Im Bonustrack wechselt er für ein verzauberndes Duett mit Asja Valčić über „Dexter’s Tune“ ans Klavier und ist auch dort ein sensibler Partner für die Cellistin.

Werner Stiefele, 01.10.2016



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