Neben der konsequent ihren Weg gehenden Cecilia Bartoli und der versatilen Amerikanerin Joyce DiDonato hat unter den Mezzosopranistinnen nur die Lettin Elīna Garanča Starqualität. Die in Riga Geborene, eben 40 geworden, steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. 10 bis 15 Jahre gibt sich die Perfektionistin noch, diese will sie mit einem Wechsel der Fachrichtung weitergehen. Von den Hosenrollen verabschiedet sie sich gerade, ebenso von ihrer eigenwilligen Carmen. Ende November steht in Paris die Santuzza in Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ an. Verdis launische Prinzessinnen, Amneris und Eboli (in einem wohl französischsprachigen „Don Carlos“) sind geplant, irgendwann sollte die Verführerin Dalila folgen; auch Wagners Höllenrose Kundry. Von diesen ambitionierten, wenngleich vorsichtig abzuarbeitenden Plänen zeugt Elīna Garančas neue CD „Revive“. Der Titel meint ein Wiederaufstehen starker Frauen nach einem schwachen Moment. So wie sich die echte Garanča nach dem Tod ihre Mutter und einer kurzen Karrierepause zurück aufs Opernkarussell schwingen musste. Santuzza, Eboli, Dalila locken jetzt akustisch als Versprechen, die Berlioz-Dido die Marina in „Boris Godunow“. Anderes, Mignon und Massenets Herodiade werden wohl Traum bleiben, Verdis Preziosilla, die Laura aus „La Gioconda“, ganz Seltenes wie Ausschnitte aus Leoncavallos „Bohème“-Variante und Saint-Saëns’ „Henry VIII“ sind Studioutopie. Und fast wie ein ironischer Kommentar wirkt Garančas „Adriana Lecouvreur“-Arie, mit der auch die gerne als angebliche Rivalin inszenierte Anna Netrebko ihre jüngste CD eröffnet hat. Die Mezzo-Scheibe ist raffinierter, intelligenter in der Auswahl und subtiler gesungen. Vorbildlich lässt Garanča ihr sehniges, mit einer nur leichten Stahllegierung verblendetes Stimmmaterial strahlen. Das Orquestra de la Comunitat Valenciana unter Roberto Abbado begleitet verlässlich.

Matthias Siehler, 12.11.2016



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