Dass diese Aufnahme nach dem Ausscheiden von Simone Kermes (und nachdem der Sänger der Titelpartie, André Schuen, gleichfalls ausgefallen war) überhaupt noch erscheinen würde, damit hatte kaum jemand gerechnet. Was der Hype um den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis verspricht, hält das Ergebnis dennoch. Konturen überschärfend, unterirdische Explosionen zündend und eine rekordverdächtige Freiheit bei den Verzierungen entfachend, erzählt Currentzis die Höllenfahrt des Verführers ganz als: Nachtstück, ja, als Ausbruch des Negativen, wobei alles Heitere ins satyrhaft Grelle umkippt und eine Verfinsterung eingetreten ist, die nur von Irrlichtern und Kugelblitzen zerrissen wird. Das Ensemble MusicAeterna spielt grandios wie unter Koffein-Schock (beim Grad arbeitsbedingter Übernächtigung in Perm nicht verwunderlich). Ob das (schauer-)romantische Gegenstück zum „Figaro” und zur „Così” gelegentlich zu radikalistisch ausgefallen ist, muss jeder für sich entscheiden.
Stärkere Abstriche gibt es bei der Besetzung hinzunehmen. Dimitris Tiliakos gibt einen stimmlich stumpfen Don Giovanni (trotz Ähnlichkeiten mit Dietrich Fischer-Dieskau). Vito Priante ist ein guter Leporello und Karina Gauvin eine hochkarätige Donna Elvira, während Myrtò Papatanasiu (Donna Anna) eher nach Notlösung klingt. Untadelig Kenneth Tarver, der als Don Ottavio den schwarzen Mond anheult wie ein braver Hund. Keine Frage, dies ist der interessanteste „Don Giovanni” seit dem von René Jacobs. Irgendwie denkt man, es sei schon nicht mehr ‚historisch informiert’, sondern: überinformiert.

Robert Fraunholzer, 12.11.2016



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Barockmusik für die Gegenwart aktualisieren? Ein kniffliges Unterfangen. Doch wenn sich einer bzw. eine mit heiklen Crossover-Begegnungen auskennt, dann die Klassik-Band „Spark“, die schon mit ihrem letzten Alt-trifft-auf-Neu-Album „On the Danceflor“ einiges gewagt und sicher auch den ein oder anderen Klassikfreund verschreckt hatte. Nun hat sich Spark also die Barockmusik für einen frischen Anstrich vorgenommen – und möchte mit dem Album „Be Baroque!“ Stimmungen verstärken […] mehr »


Top