Dass diese Aufnahme nach dem Ausscheiden von Simone Kermes (und nachdem der Sänger der Titelpartie, André Schuen, gleichfalls ausgefallen war) überhaupt noch erscheinen würde, damit hatte kaum jemand gerechnet. Was der Hype um den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis verspricht, hält das Ergebnis dennoch. Konturen überschärfend, unterirdische Explosionen zündend und eine rekordverdächtige Freiheit bei den Verzierungen entfachend, erzählt Currentzis die Höllenfahrt des Verführers ganz als: Nachtstück, ja, als Ausbruch des Negativen, wobei alles Heitere ins satyrhaft Grelle umkippt und eine Verfinsterung eingetreten ist, die nur von Irrlichtern und Kugelblitzen zerrissen wird. Das Ensemble MusicAeterna spielt grandios wie unter Koffein-Schock (beim Grad arbeitsbedingter Übernächtigung in Perm nicht verwunderlich). Ob das (schauer-)romantische Gegenstück zum „Figaro” und zur „Così” gelegentlich zu radikalistisch ausgefallen ist, muss jeder für sich entscheiden.
Stärkere Abstriche gibt es bei der Besetzung hinzunehmen. Dimitris Tiliakos gibt einen stimmlich stumpfen Don Giovanni (trotz Ähnlichkeiten mit Dietrich Fischer-Dieskau). Vito Priante ist ein guter Leporello und Karina Gauvin eine hochkarätige Donna Elvira, während Myrtò Papatanasiu (Donna Anna) eher nach Notlösung klingt. Untadelig Kenneth Tarver, der als Don Ottavio den schwarzen Mond anheult wie ein braver Hund. Keine Frage, dies ist der interessanteste „Don Giovanni” seit dem von René Jacobs. Irgendwie denkt man, es sei schon nicht mehr ‚historisch informiert’, sondern: überinformiert.

Robert Fraunholzer, 12.11.2016



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