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The Long Ride

Tini Thomsen

339 Records/Nova TTNCH-006
(39 Min.)

Gerry Mulligan? Von wegen! Das mächtige Baritonsaxofon hat sich Tini Thomsen bestimmt nicht zum instrumentalen Komplizen auserwählt, weil sie ein sonderlich großes Faible für gepflegten Cool Jazz hätte. Zumindest sprechen die Alben der 1981 in Hamburg geborenen Musikerin da eine deutliche Sprache: Bei ihrem Debüt „MaxSax“ aus dem Jahr 2013 ließ sie es ordentlich krachen – angesiedelt irgendwo zwischen britischem Ska und amerikanischem Alternative Rock.
Und auch der Nachfolger „The Long Ride“ ist stark von einer rohen Energie getrieben, die ihre Quellen eher im Punk als in der Wohlerzogenheit der Jazzhochschulausbildung vermuten lässt, die Thomsen in Hamburg und Amsterdam genossen hat.
Das Titelstück erinnert an den rotzigen Jazzrock, den man in Köln rund um die Franck-Band in den 80er und 90er Jahre pflegte, Nummern wie „Lightning Girl“ oder „Equalizer“ (beide geschrieben vom distortionaffinen Gitarristen Tom Trapp) verweisen Richtung Scott Hendersons Westernrock-Fusion oder lassen Noise music auf die frühen „Kool and the Gang“ treffen.
So oder so sind die von E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug getragenen Stücke gefundenes Fressen für Thomsens kehlig knurrenden Saxofon-Koloss. Zweifellos ein Charakterdarsteller, wie es ihn so bislang noch nicht im deutschen Jazz gegeben hat.
Dass Thomsens brettharte, gleichwohl originelle Kompositionen im Vergleich zum Erstling feingliedriger und mehrschichtiger geworden sind, erklärt sich durch die Hinzunahme einer weiteren Bläserstimme. Nigel Hitchcock, unter anderem Altsaxofonist im bekannten britischen Saxofonquartett „Itchy Fingers“, sorgt im buchstäblichen Sinn für zusätzliche Geschmacksnoten.
Das wird besonders in den Zwischenspielen deutlich, die nur von Thomsens und Hitchcocks Saxofonen bestritten werden. „Petals“ heißen sie und treiben eigenwillige Blüten auf dem Humus der Marching- oder Big-Band-Tradition, ohne sie über Gebühr zu zitieren oder gar zu karikieren. Tini Thomsens langer Ritt hat gerade erst begonnen. Man darf gespannt sein, wohin er sie noch führen wird.

Josef Engels, 28.01.2017



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