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Vierhändig

The Oh!chestra

Herzog Records/Soulfood 901063HER
(71 Min., 4/2016)

11 Jahre firmierten Florian Wäldele und Florian Dreßler als das Elektroduo „The OhOhOhs“, bevor sie sich dazu entschlossen, Synthesizer, E-Pianos und Sampler weitestgehend aus ihrer Musik zu verbannen. Nun, als „The Oh!chestra“, setzen der Pianist und der Schlagwerker nicht nur hinsichtlich ihres akustischen Instrumentariums ganz auf traditionelle Werte: Die europäische Klassik, die der entsprechend ausgebildete Wäldele am Flügel schluderfrei zu interpretieren weiß, bildet prononciert das Rückgrat des Album-Debüts „Vierhändig“.
Bachs „Partita No. I“ und Beethovens „Mondscheinsonate“ stehen da unter anderem auf dem Programm, Schubert wird gehuldigt (im Stück „Floating Schubert“), Debussys „Reflets dans l'eau“ motivisch ausgeschlachtet (in der rhythmischen Versuchsanordnung „Pythagoreisches Dreieck“) und immer wieder die Nähe zu Romantikern wie Chopin oder Schumann gesucht. Der Oh!-Effekt stellt sich dadurch ein, dass Wäldele und Dreßler diesen durchaus respekt- und liebevoll behandelten Kanon mit verschiedenen Lagen Pauspapier bedecken, auf dem sich die unterschiedlichsten Skizzen anderer Musikgenres befinden.
Der Repetitions-Minimalismus eines Steve Reich, die verschlungenen Perkussionsmuster Kubas und nicht zuletzt die bedrohlich-dumpfe Kraft der House-Musik befinden sich in steter Überlagerung mit den Klassikern, da löscht sich nichts gegenseitig aus, sondern existiert durchscheinend nebeneinander, übereinander und miteinander. Das gilt auch für die polyrhythmischen Interaktionen zwischen dem Pianisten und dem Schlagwerker, der an zwei Stellen von Perkussionskollegen unterstützt wird: Wenn es einmal zu viel der nach Clubmanier derb auf die Viertel plumpsenden Bassdrums wird, stellen sich Wäldele und Dreßler gegenseitig kleine Rechenaufgaben, um ihre krummtaktig zuwiderlaufenden Pattern auf einen Nenner zu bringen.
Diese Momente der vierhändigen höheren Mathematik retten das „Oh!chestra“ denn auch vor dem geschmacklichen Absturz – ein ganzes Album mit Bach und Beethoven zu Technobeat und fiesen Handclaps wie aus der Proll-Disco hätten zu einer Anklage vor dem UN-Tribunal geführt.

Josef Engels, 18.02.2017



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