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Johann Strauß II, Josef Strauß, Eduard Strauß I u.a.

Allegro fantastique. Live In Concert

Wiener Johann Strauss Orchester, Johannes Wildner

WJSO-003, www.wjso.or.at
(79 Min., 5/2016)

Wer hätte gedacht, dass eine Muckentruppe, die man für eine Billig-Ausgabe der Wiener Philharmoniker hielt, noch einmal so begeisternd auftrumpfen und zurückkehren würde! Das Wiener Johann Strauss Orchester, 1966 gegründet von Eduard Strauß II, war in Wirklichkeit nie jene für Schallplattenzwecke ersonnene Ersatz-Walzer-Brigade, als die sie unter Leitung von Willi Boskovsky damals bekannt wurde. Das war nur ein Missverständnis.
Ganz im Gegenteil, hier rührte sich der Stachel der historischen Aufführungspraxis im Polka-Rhythmus. Wie das? Lange vor Harnoncourt war es das Wiener Johann Strauss Orchester, mit dem sich wieder jemand an die originale Orchester-Besetzung mit genau 42 Musikern hielt. Die Sträuße, so lernen wir, komponierten nicht für große Sinfonieorchester. Sondern für elegante, nicht zu große Tanzkapellen. Und so muss es bitteschön auch klingen.
So mutiert hier selbst die Ouvertüre zum „Zigeunerbaron“ zur Tanzmusik (siehe auch Artikel in RONDO 2/2017). Die Polka schnell „Ohne Bremse“ pest wie von der Tarantel gestochen in Richtung Tanzfläche. Beim Donauwalzer muss man nicht warten, bis sich trübe Wasser verzogen haben, bevor man sich zu drehen beginnt, sondern kann vom ersten Takt an Tritt fassen – um mit der Tanzpartnerin Privatheiten und Verbindlichkeiten zu tauschen. Kurz, hier werden all den Gavotten, Csárdás-Fantasien und Schnell-Polkas wieder Tanz-Beine gemacht!
Nur noch selten tritt das Wiener Johann Strauss Orchester daheim auf; auch deswegen, weil die Profi-Musiker in anderen Orchestern, wo sie fest angestellt sind, genug zu tun haben. So hat sich die Existenz des Orchesters zu einer Kenner-Größe verflüchtigt. Um ein Tourismus-Kommando wie etwa die „Original Strauß Capelle Wien“ oder ähnlich rot befrackte Telefon-Kamarillas handelt es sich jedoch mitnichten. Stattdessen arbeitet man mit den Handschriften-Inhabern in der Wien-Bibliothek eng zusammen, hat schon in den 70er Jahren um die 1000 Titel der Strauß-Dynastie für den ORF eingespielt (unter Max Schönherr etc.). Man darf gralshüterische Attribute in Bezug auf die Wiener Johann Strauß-Pflege für sich in Anspruch nehmen.
Die dritte, im Eigenverlag herausgebrachte CD bestätigt den sträflich übersehenen Rang des Ensembles. Unter Johannes Wildner verfügt man bei Evergreens wie „Wiener Blut“, dem „Ritter Pásmán-Csardas“ und bei „Brennende Liebe“ über eine eigene, flotte Handschrift. In Gestalt unbekannter Werke wie der Orchesterfantasie „Peine du cœur“, der „Liguorianer Seufzer-Scherzpolka“ oder mit „Wer tanzt mit?“ bietet man gut’ Stoff, um weiterzuträumen.
Ähnlich günstig fiel schon der Eindruck bei zwei vorangegangenen CDs aus („Freuet Euch des Lebens!“ unter Alfred Eschwé und „Seid umschlungen, Millionen!“, wiederum unter Wildner): mit Trouvaillen wie der „Melodien-Quadrille“, der Polka schnell „For ever“ und dem „Abschied von St. Petersburg“. Diese Platten begeistern und stellen eine reelle, süffige Alternative zum offiziellen, unhistorischen und fast steifen Neujahrskonzert-Bild des Wiener Walzers dar. Den „Jubelwalzer“ hat man, sehr berechtigt, gleich mit aufs Programm gesetzt. Man hat Grund zum Feiern.

Kai Luehrs-Kaiser, 11.03.2017



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