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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Elegy

Theo Bleckmann

ECM/Universal 4799717
(47 Min., 1/2016)

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass Theo Bleckmann einer der ungewöhnlichsten Sänger im wahrlich nicht unter Vokalistenmangel leidenden Big Apple ist, dann würde ihn das ECM-Debüt des gebürtigen Deutschen in aller Deutlichkeit liefern. Bleckmann, der in der Vergangenheit mit kongenialen Querköpfen wie Meredith Monk, Laurie Anderson oder John Zorn arbeitete, lässt seine Stimme mit Vorliebe in schattigen Zwischenreichen erklingen — irgendwo zwischen Performance und Broadway-Singspiel, zwischen Elektronik und analoger E-Musik, zwischen zutiefst mitfühlender Text-Interpretation und nonverbalen Gesangsflächen, die wie Eis in der Sonne glitzern.
Dementsprechend ist auch „Elegy“, Bleckmanns im Quintett mit Pianist Shai Maestro, E-Gitarrist Ben Monder, Bassist Chris Tordini und Schlagzeuger John Hollenbeck vorgetragene Klageliedsammlung, von einer gewissen Janusgesichtigkeit — allerdings nie so, wie man es erwarten würde. So entpuppt sich beispielsweise die einzige Fremdkomposition des Albums „Comedy Tonight“, aus Stephen Sondheims Quatsch-Musical „A Funny Thing Happened On The Way To The Forum“, keineswegs als Lachnummer. Wie ein zu Tode verwundetes Tier schleppt sich das von Bleckmann mit der Unbestechlichkeit eines Richters beim vernichtenden Urteil gesungene Lied langsam dahin, die mit dezenten Dissonanzen angereicherten Klavierakkorde rollen langsam über die Tastatur wie Erdbrocken, die auf ein Grab geschaufelt werden.
Das Gegenstück „Take My Life“ hingegen, die Vertonung eines Gedichts, in dem sich der Ich-Erzähler seinen eigenen Tod vorstellt, ist ein lichtdurchwirktes Gute-Laune-Stück mit rasselnden Rimclicks vom Schlagzeug und einer rockig brodelnden Gitarre. Die ambivalent-hoffnungsvollen Schlusszeilen „May There Be No Heaven’s Gate / No Other God Than Silence“ erinnern nicht umsonst an das berühmte ECM-Motto „the most beautiful sound next to silence“ — Bleckmanns brillant nuancierte, dabei aber stets zurückhaltende und uneitle Sangeskunst (die CD beginnt und endet mit instrumentalen Vignetten ohne den New Yorker Sänger), seine aus Soundmalerei und Ambient-Musik geborenen Arrangements sowie seine hochkonzentrierten Begleiter sind wie gemacht für das Münchner Klangentdeckungs-Label.

Josef Engels, 01.04.2017



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