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Johann Sebastian Bach

Kantaten für Bass solo

Henryk Böhm, Göttinger Barockorchester, Antonius Adamske

Note 1/Coviello COV 91704
(63 Min., 9/2016) SACD

Ein herrliches Repertoire, fürwahr: Bachs Bass-Solokantaten BWV 56 („Kreuzstab“), 82 („Ich habe genug“) und 158 („Der Friede sei mit dir“), kompetent begleitet von einem historisierend spielenden Kammerorchester: Allein die dreifach mit Chitarrone, Cembalo und Orgel opulent besetzte Continuogruppe ist eine Freude. Abgestuft und arbeitsteilig eingesetzt spielt etwa in der Oboen-Arie von BWV 56 die Orgel (Christof Pannes) flächiger, während das Cembalo (Sabine Erdmann) nach Herzenslust bewegt und figurativ improvisiert – eine wahre Freude! Artikulatorisch und klanglich fein abgestimmt agiert auch der Oberstimmenbereich des Orchesters: Musikalische Figuren werden sinnstiftend präsentiert, ohne dabei aufdringliche Überartikulation zu erfahren und dadurch das gesamte Klang-Erleben zu stören.
All dies sollte für den Gesangssolisten Henryk Böhm eine Steilvorlage sein zur textnahen, rhetorisch expressiven Umsetzung seiner Partie. Aber an diesem Punkt erfährt die Begeisterung eine Trübung: Schon in der ersten Arie der „Kreuzstabkantate“ verwundert Böhm durch ein gleichförmiges Aspirieren der zahllosen Zweierbindungen, die doch gleichzeitig das Orchester so vorbildlich „abzieht“, d. h. bindet und auf dem jeweils zweiten Achtel entlastet. Aus den textkonformen Seufzermotiven werden auf diese Weise beliebige Achtelketten. Diese Schwäche beim Umgang mit melismatischen Verläufen setzt sich fort, deutlich etwa auch in der Oboenarie von BWV 56 oder in der „Schlummert ein“-Arie von BWV 82. Warum hat der Dirigent in diesem Punkt nicht darauf bestanden, dass am gleichen Strang gezogen wird? Es ist, als kämen Interpreten aus zwei verschiedenen „Lagern“ (Historisierend und konservativ) unvermittelt zusammen – ein eigenartiges Hörerlebnis, das den Gesamteindruck leider negativ beeinflusst.

Michael Wersin, 13.05.2017



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