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Tricotism

Eli "Lucky" Thompson

Impulse
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So aufwändig erwarb ich noch nie eine CD: "Tricotism" von Lucky Thompson ist seit längerem "out of stock", wird also nicht mehr produziert und spiegelt so die ganze Tragik in der unfassbaren Biografie meines Lieblings-Tenorsaxofonisten Eli "Lucky" Thompson wider, der völlig unberechtigt und Zeit seines Lebens nie den Ruhm genießen konnte, der ihm zusteht.
Aufwändig war der Erwerb, weil ich jeden Flohmarkt abgeklappert habe in der Hoffung, irgendjemand wolle die Scheibe veräußern. Fehlanzeige. Im weltweiten Web wird Tricotism dann und wann zur Versteigerung angeboten. Jazz-Kenner zahlen bis weit über 100 Dollar für eines der begehrten Exemplare. Nach sicher Hunderten von Suchanfragen und mit viel Glück erhielt ich bei einer Auktion den Zuschlag für 17 Dollar, die ich bar im Briefumschlag zum Anbieter in die USA schickte. Die CD kam tatsächlich postwendend und praktisch druckfrisch an.
Als unfassbar erlebe ich die nur spärlich dokumentierte Biografie von Thompson, weil er in den Siebzigern sein Instrument einfach an den Nagel hängte und abtauchte. Wie kann man die Lust am Musizieren verlieren, wenn man so leidenschaftlich und virtuos spielen kann wie er? Im Internet wird spekuliert, er sei geistig verwirrt, auf der Straße gelandet, habe sich der Erziehung seiner Söhne widmen müssen, sei verbittert wegen der fehlenden Anerkennung als Saxofonist, sei verärgert über die Musikindustrie. Die Frage, ob Lucky Thompson, Jahrgang 1924, überhaupt noch lebt, ist offen. Wie auch immer: ein Fall für Wim Wenders. Aus diesem Stoff ließen sich Filme machen.
Tricotism enthält 16 im Jahre 1956 teils mono aufgenommene Titel, davon acht in der Trio-Besetzung mit Skeeter Best (Gitarre) und Oscar Pettiford (Bass) sowie acht mit Jimmy Cleveland (Trombone), Hank Jones und Don Abney (Piano) Oscar Pettiford (Bass) und Osie Johnson (Schlagzeug). Alle Kompositionen stammen von Lucky Thompson – nur der Titelsong Tricotism (was immer das bedeuten mag) stammt allein von Oscar Pettiford. Übrigens findet man auch auf anderen CDs von Lucky Thompson auffallend viele von ihm selbst komponierte Stücke, was seinen Stellenwert als eigenständiger Musiker sicher unterstreicht.
Wer im Antiquariat über Tricotism stolpert, sollte ohne Zögern zugreifen – allein schon wegen des ansprechenden CD-Covers in Schwarz-Weiß mit Zusatzfarbe Rot. Es zeigt die Silhouette des Saxofon spielenden Lucky Thompson. Überflüssig zu sagen, dass das melodiöse, gefühlvoll phrasierte und stets fantasievolle Saxofonspiel von Thompson mit seinem in den oberen Lagen wunderbar hartkantigen metallischen Sound absolut hörenswert ist. Tricotism ist tragisch wie Lucky Thompson selbst - eben "out of stock". Vielleicht sollte ich irgendwann einmal die Lucky-Thompson-Memorial-Website ins Netz stellen – Mitstreiter willkommen. Verdient hätte Lucky allemal - schon wegen Tricotism.

Bernd Zimmermann, 44 Jahre, Linz


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