Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen BWV 988

Glenn Gould

Sony SMK 52 594
(1955) ADD



Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen BWV 988

Gustav Leonhardt

Teldec/Warner Classics 3984-21351-2
(1965) ADD



Wie der Bach-Biograf Forkel auf die Mär verfiel, diese "Aria mit verschiedenen Veränderungen" sei zur Entspannung des schlaflosen Grafen Keyserlingk komponiert worden, wird mir ewig ein Rätsel bleiben: Ich werde immer wacher von den "Goldberg-Variationen". Und selbst wenn der Graf tatsächlich gut geruht haben sollte, ist der Cembalist und Namenspatron Johann Gottlieb Goldberg bestimmt noch lange aufgeblieben - im Zweifel, um zu üben, denn dieser Zyklus gehört zum Schwersten, was Bach komponiert hat.
Die bekannteste Einspielung der "Goldberg-Variationen" renommiert gerne damit: Glenn Goulds Kühlschrank-Version aus dem Jahr 1981. Ich ziehe die jugendfrische erste Interpretation Goulds von 1955 vor: Hier erhält der Hörer nicht eisige Botschaften aus einer autistischen Wahnwelt, sondern erlebt einen feurigen Tastenkünstler, der fest auf dem Boden romantischen Klangsinnes steht, um von dort aus seine metaphysischen Höhenflüge zu starten.
Mein Problem bei Gould: Ich komme nicht immer hinterher, wenn er abhebt. Das heißt nicht, dass man dieses Werk so harmlos glätten muss wie András Schiff oder es gar so lieblos herunternudeln darf wie der Jazzer Keith Jarrett bei seinem verunglückten Cembalo-Ausflug. Der junge Claudio Arrau fand 1942 eine ganz andere Lösung - er glaubte den Noten. Seine Version wurde erst nach mehr als einem halben Jahrhundert veröffentlicht, weil der formvollendete Gentleman der polnischen Cembalistin Wanda Landowska bei RCA den Vortritt gelassen hatte (sie war gerade emigriert und brauchte Geld). Daraufhin wurde der Schatz vergessen und erst vor zehn Jahren gehoben (RCA GD 87841) - und jüngst schon wieder aus dem Katalog gestrichen, in dem der Aufnahme ein Ehrenplatz gebührte.
Innige Vertrautheit mit der geistigen Welt der Bachschen Musik paart sich bei Arrau mit einer Souveränität der musikalischen Formung, die alles ganz selbstverständlich auseinander wachsen läßt. Tänzerische Grazie verbindet sich zwanglos mit einer polyphonen Klarheit, der auch das altertümliche Klangbild der Aufnahme überhaupt nichts anhaben kann. Jede Phrase kennt ihr Ziel, weiß um ihren Sinn. Man muss nur mal hören, mit welch überirdischer Leichtigkeit Arrau beide Stimmen des Terz-Kanons (Variation 9) singen lässt.
Einer der wenigen, die ähnlich tief in die Geheimnisse dieses tönenden Kosmos eingedrungen sind, ist der Cembalist Gustav Leonhardt. Seine jüngst wiederveröffentlichte Fassung der "Goldberg-Variationen" aus dem Jahre 1965 zählt zu den Sternstunden historischer Musizierpraxis. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die musikalischen Resultate dieser beiden Expeditionen ähneln: Arraus Flügel hat natürlich - im Gegensatz zum Cembalo - dynamische Spannbreite, dafür kann Leonhardt flexibler mit minimalsten Tempo- und Artikulationsschwankungen spielen. Aber das, worauf es immer ankommt, die Musik selbst, tritt in beiden "Sprachen" gleich deutlich zu Tage. Und noch eines kann man bei diesen großen Männern lernen: Ihre Kunst wächst aus Gelassenheit.

Stefan Heßbrüggen




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