Leserbriefe

Michael Bahr, Frankfurt am Main

Schaler Nachgeschmack

Ach, sehr geehrter Herr Königsdorf, gerade las ich Ihren Artikel über das New Yorker Orchester "The Knights" und ... nun ja, ein etwas schaler Nachgeschmack bleibt, der gar nichts mit dem Orchester an sich zu tun hat, sondern mehr mit den Vergleichen, die Sie aus dem journalistischen Hut zaubern um Ihr Objekt der Beschreibung in umso helleren Farben glänzen zu lassen. Um zur Sache zu kommen: Bedarf es wirklich des mittlerweile doch reichlich abgestandenen Bildes des frustierten (aber finanziell ordentlich "gepamperten") deutschen Musikbeamten um die jungen, ach so krativ-ungebundenen amerikanischen Musiker ins Bild zu setzen? Gerade Sie als Musikjournalist müssten doch wissen, dass gerade Deutschland mit seinem hohen Staatsanteil in der Kulturfinanzierung eine weltweit einzigartige Musik- und Orchesterlandschaft zu bieten hat. Wenn ich mir diese deutschen (Beamten-)Orchester anhöre - und das tue ich oft - dann ist da von Frustration wenig zu spüren. Und solange die deutschen "Beamtenorchester" so gute (von wirtschaftlichen Erwägungen oft freie) Konzertprogramme auf so hervorragendem musikalischem Niveau spielen, wie sie es in der Regel tun, gönne ich den Musikern ihren Beamtenstatus von ganzem Herzen.


Wolfgang Finsterer, Hamburg

Geteilte freude

Gerade der erste Satz der Rezension des Hamburger "Rheingolds", es herrsche "eitel Freude bei den Hamburgern, seit Simone Young dort als Opernchefin agiert" trifft überhaupt nicht zu. Bei mir wie auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis herrscht Wut und Enttäuschung über die äußerst konventionelle Spielplangestaltung von Frau Young; davon, dass sie anspruchsvolles und anregendes Musiktheater z. B. von Konwitschny und Karoline Gruber absetzte, um sie zum Teil durch belanglose Inszenierungen abzulösen (Rosenkavalier!) ganz zu schweigen. Man hätte z. B. die Möglichkeit gehabt, im Händel-Gedenkjahr Grubers faszinierende, freilich auch verstörende Inszenierung des "Giulio Cesare" wieder aufzunehmen, stattdessen: ein konzertanter "Messiah" - wie originell! Ebenso Fehlanzeige bei zeitgenössischer Musik: das "modernste" Stück, das im "Großen Haus" zu sehen ist: Brittens "Tod in Venedig". Dass es Nono, Zimmermann, Reimann gibt (die ja auch schon "Klassiker" sind), scheint noch nicht bis in die Chefetage der Staatsoper durchgedrungen zu sein - von Uraufführungen ganz zu schweigen. Die wenigen Lichtblicke im Repertoire ("Pelleas und Melisande", "Dialog der Karmeliterinnen") stammen typischer Weise aus der Ära Metzmacher, dessen Arbeit wie auch die seiner Vorgänger bis hin zu Liebermann durch Frau Young und die Hamburger Kulturpolitik zerstört wurde. Entertainment und der ein Eintrag im "Guiness-Buch der Rekorde" scheint in Hamburg mittlerweile wichtiger als zu zeigen, was Oper auch sein kann: eine der an- und aufregendsten Kunstformen, die es gibt.


Erdmann Karsten,

Pseudopolitisches Denunziantentum

Sehr geehrte Damen und Herren, ich will mich nicht in wortreichen Tiraden ergehen; es sein nur gesagt, daß mir beim Lesen der "Meistersinger"-Rezension (Orfeo) übel geworden ist. Pseudopolitisches Denunziantentum plattester Art muß herhalten, wenn der nicht genehme Künstler (Böhm) anders nicht zu packen ist. Damit steht Ihr Rezensent in einer totalitären Tradition, die er vorgibt, zu bekämpfen. Warum "durfte" Karl Böhm 1986 die "Meistersinger" dirigieren? Vielleicht, weil das Klima noch nicht so denunziatorisch vergiftet war wie wir es gegenwärtig leider erleben.


Uwe Sandvoß, Hanau

Bügelnde Hausfrauen

Die musikalischen Leistungen eines Ensembles wie „I Musici“, jenes Inbegriffs der Vivaldi-Renaissance der 60er und 70er Jahren, als braves Hintergrundgeplänkel für bügelnde Hausfrauen, im weiteren Verlauf auch noch als betulich zu bezeichnen, wie es Christoph Braun (Rondo 3/08, S. 15) tut, ist doch allerhand. Meines Erachtens gibt es bis heute, um ein Beispiel zu nennen, - trotz Nigel Kennedy und Giovanni Antonini - keine bessere, leidenschaftlichere, ja spannendere Einspielung der „Vier Jahreszeiten“ als die von „I Musici“ mit Felix Ajo. Als bügelnder Hausmann würde ich beim Hören dieser Aufnahme sicher vor Begeisterung Knöpfe ausreißen oder Brandlöcher produzieren.


Günter Haupt, Chemnitz

Geschönte Geburtsdaten

Als interessierter RONDO-Leser habe ich mich über Ihre Betrachtung zu Plácido Domingos Karriereplänen sehr amüsiert (RONDO 2/2007). Diese Angelegenheit wird ja noch viel kritischer, wenn man bedenkt, dass Plácido Domingo nicht erst – wie angegeben – 66 Jahre alt ist, sondern in Wirklichkeit schon 73 Jahre! Leider liest man aber in der Presse und in allen möglichen Publikationen unbeirrt weiterhin die „geschönten“ Geburtsdaten. Das betrifft u. a. auch John Tomlinson (1946 statt 1943), Pilar Lorengar (1928 statt 1921) und Anja Silja (1941 statt 1934).


Nikolai Neumann, Berlin

Flip, Flap, Flapsen

Die aussagekräftigen, für mich recht transparenten Kritiken gefallen mir an RONDO besonders. Ich kann als Nichtmusiker etwas mit ihnen anfangen; sie lassen auch ansatzweise auf den Geschmack des Kritikers/ der Kritikerin schließen, woraus ich wiederum gewisse Rückschlüsse auf die rezensierten Aufnahmen ziehen kann. Prima, Sie machen eine gute Arbeit. Und hören Sie bloß nicht auf zu flapsen.


Tobias Wuttke, Düsseldorf

Da fehlt noch was

Ich habe mich als Fan von Bachs Matthäuspassion besonders über Ihren Artikel gefreut (RONDO 2/2007), habe in der Aufstellung der bedeutenden Aufnahmen allerdings die historisch wichtige Kriegsaufnahme von 1941 mit den Thomanern, dem Gewandhausorchester und Karl Erb als Evangelisten unter Günther Ramin vermisst. Die Versuche, das Ganze auf schmalerer Besetzungsbasis zu organisieren, gab es übrigens schon etwa zehn Jahre vor Münchinger: bei Piet van Egmond und Ferdinand Grossmann. Beide repräsentieren sozusagen schon den halben Weg zu Harnoncourt und sind für mich besonders interessant, weil sie eben nicht perfekt eine bestimmte Aufführungspraxis repräsentieren, sondern sich gerade zur „neuen“ alten Praxis vorarbeiten, die Mitte bis Ende der 60er Jahre in voller Blüte stand.


Klaus Thiel, Berlin

Wenn Sie erlauben ...

... eine Antwort auf den saublöden Leserbrief zur „Fledermaus“ (RONDO 1/2007). Kann man wirklich über Geschmack nicht streiten? Aber vielleicht darüber, ob jemand weiß, wovon er redet! Ich halte die „Fledermaus“ für eine der grandiosesten Schöpfungen, und ich will gar nicht aufzählen, wen ich da alles auf meiner Seite habe. Man muss auch nichts über die historischen Hintergründe zur Uraufführungszeit wissen (Börsenkrach und Katzenjammer), um den Hintersinn des „Brüderlein und Schwesterlein“-Ensembles (das nun wirklich kein Couplet ist!) zu genießen. Und wer sich am „fragwürdigen Orlofsky-Zwitter“ stößt oder aber an der Tatsache, dass man einen pubertierenden Knaben ausgezeichnet durch eine Mezzosopranistin charakterisieren kann, für den müssten doch auch der Cherubino oder der Octavian die reinsten Zumutungen sein.


Bernhard Kollmann, Wien

Danke …

… für diesen hervorragenden Service namens „RONDO-Magazin“! Vieles würde man sonst auf diesem Gebiet übersehen!


 

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Ein Schuss setzt die Welt in Brand: Vor einhundert Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte das Kaiserreich Österreich-Ungarn Serbien den Krieg - der Auftakt zur Mobilmachung in ganz Europa. Wie unwahrscheinlich ein Kriegsausbruch nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger eigentlich war, und wie viele persönliche Macht- und Fehlentscheidungen von höchster, aber auch ministerialer Ebene dazu nötig waren, hat gerade der Historiker Christopher Clark in seinem Buch neu aufgearbeitet. Von ganz anderer, nämlich musikalischer Seite nähert sich die Sopranistin Anna Prohaska dem Thema. Ihr neues Album reflektiert das Datum, das das "Jahrhundert der Kriege" einläutete, mit einem weit gesteckten Repertoire, das über Sarajevo und Verdun hinausweist. Von Soldatenliedern des Dreißigjährigen Krieges bis zu Propagandagesängen, vom "Trommellied" aus Beethovens "Egmont", über Schumanns "Grenadiere", bis hin zu Liedern von Liszt, Fauré, Mahler, Ives, Weil und Eisler reichen die Zeugnisse, die Prohaska an der Seite ihres Pianisten Eric Schneider dafür aufruft. Aus flackernder Begeisterung und auswegloser Verzweiflung entsteht hier das musikalische Porträt einer Ausnahmesituation - die bis heute alltäglich geblieben ist.