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22. — 28. April 2017

Doppelpack

Eigentlich sind sie ja zu dritt: Giacomo Puccinis Einakter „Il tabarro“ („Der Mantel“), „Suor Angelica“ und „Gianni Schicchi“, drei sozialkritische Miniaturopern über Lieben und Sterben, Eifersucht und Testaments-Streitigkeiten. Gewürzt hat der italienische Komponist diese mit einer guten Prise Slapstick und Situationskomik, aber auch mit viel Sentimentalität (vor allem den mittleren Opernakt „Suor Angelica“, der jetzt in Bremen ausgespart wurde). Regisseur Martin G. Berger hat bei seinem Regie-Debüt am Theater Bremen aus den beiden verbliebenen Einaktern eine Melange gemacht – und das vor allem mit Hilfe von medialen Hilfsmitteln: So wird die schwierige, durch das Trauma des Kindstodes gestörte Beziehung zwischen Giorgetta und Michele aus „Il tabarro“, die mit einem brutalen Mord endet, als Filmsequenzen gezeigt. Die Erbschleicherkomödie „Gianni Schicchi“ dagegen wurde umgemünzt in die Dreharbeiten dazu, in der die ganze Film-Crew aus der habgierigen Verwandtschaft des Verstorbenen besteht – und sich immer wieder in die Haare kriegt.
Hartmut Keil dirigiert die Bremer Philharmoniker in diesem kurzweiligen Kammerspiel.

Noch bis 29. Juni am Theater Bremen.

(Fotos: Jörg Landsberg/Theater Bremen)


15. — 21. April 2017

Unendlicher Klang-Raum

Eine Erschütterung geht durch die Wissenschaft: Anfang des 20. Jahrhundert verändert Albert Einsteins Relativitätstheorie, seine Forschung zu Materie, Raum und Zeit, den Blick auf die Welt. Die Musik feiert er als große Zeit-Kunst, als Nachweis des Unerklärlichen und des unendlichen geistigen und emotionalen Raums.
Ganz diesem Credo folgend, haben Philip Glass und Robert Wilson in den 1970er Jahren „Einstein On The Beach“ kreiert. Das Theater Dortmund geht das Wagnis ein und bringt die „Oper“ ab dem 28. April auf die Bühne, in einer Koproduktion des Schauspiels — Regie führt Intendant Kay Voges — und der Oper. Alles andere als ein klassisches Musiktheaterwerk ist dieses Stück, denn es erzählt keine zusammenhängende Geschichte, ist eher eine Assoziations-Ansammlung und will eine Einheit von Sprache, Klang und visuellem Eindruck erzielen und in einen Zustand von Trance versetzen. Zu Video- und Lichtinstallation steuert das Chorwerk Ruhr unter der Leitung von Florian Helgath Glass' Minimal-Klänge bei.

Weitere Informationen und Termine gibt es auf der Website des Theater Dortmund.

(Fotos: Wikimedia Commons, Pedro Malinowski, Lars Ullrich)


08. — 14. April 2017

Sehnsucht und Hoffnung

„Azione invisibile per solista, strumenti e voci“: „unsichtbare Handlung für Solistin, Instrumente und Stimmen“. So nennt der Zeitgenosse Salvatore Sciarrino seine Version des „Lohengrin“, komponiert 1982/84. Die kommt ab dem 9. April bei den Osterfestspielen Salzburg in einer Inszenierung des Österreichers Michael Sturminger auf die Bühne. Anders als Richard Wagner knüpft Sciarrino an eine literarische Vorlage des symbolistischen Dichters Jules Laforgue (1860–1887) an. In seiner Kammeroper steht nicht etwa der Gralsritter im Vordergrund, sondern seine Elsa: Sie sinniert im Selbstgespräch über den abwesenden Lohengrin und über die Vergangenheit, ob sie real sei oder auch nur Produkt ihrer Vorstellungskraft. Sehnsucht und Hoffnung sind die treibenden Kräfte für ihre Erinnerung und Gegenwart.

Weitere Informationen und Termine gibt es auf der Website der Osterfestspiele Salzburg.

(Probenfotos: OFS/Wildbild)


01. — 07. April 2017

Heidelberger Frühling

„Wer sind wir?“ und „Wie wollen wir morgen miteinander leben?“, fragt sich der Heidelberger Frühling seit dem Eröffnungskonzert am 25. März mit Julia Fischer und dem BBC Philharmonic. Unter dem Leitgedanken „In der Fremde“ wird das gerade so präsente Schlüsselmotiv der Aufklärung durchexerziert. Nicht nur Künstler wie Lisa Batiashvili, Ian Bostridge, Igor Levit oder Isang Enders sollen in Heidelberg einen Ort kreieren, an dem ein neues „Wir“ erfahrbar wird. Auch mit dem Streichquartettfest Heidelberg, der Heidelberg Festival Akademie für Liedgesang, Kammermusik, Komposition und Musikjournalismus sowie der Heidelberg Music Conference am 27. April, eine jährliche Tagung der bedeutenden europäischen Festivals und Konzerthäuser, soll gemeinsam an der Zukunft des Klassischen Musikbetriebs geschraubt werden.

Weitere Informationen und Tickets gibt es auf der Website des Heidelberger Frühlings.

(Fotos: studio visuell)


25. — 31. März 2017

Vergilbte Welt

Diese Geschichte hat einen Bekanntheits-Grad, der für jede künstlerische Weiterverarbeitung Fluch und Segen zugleich ist: „Tod in Venedig“, Thomas Mann Novelle um Leid, Verfall und Tod, ist spätestens seit der berühmten Verfilmung von Luchino Visconti im kollektiven Gedächtnis verankert. Daraus eine Oper zu machen, ist eine heikle Aufgabe. Und diese zu inszenieren, bedeutet automatisch auch, den dominanten Bildern aus Novelle und Film etwas überzeugendes Eigenes entgegen zu setzen. Regisseur Graham Vick hat an der Deutschen Oper Berlin in seiner Inszenierung von Benjamin Brittens „Death In Venice“ nun auf Schlichtheit gesetzt: Über drei Stunden Spieldauer wird die Bühne von einem grellen, gelbgrünen Farbton bestimmt. Im 2. Akt ist die Rückwand mit dem plakativen Schriftzug „Achtung“ versehen, ein Hinweis wohl auf die in Venedig grassierende Cholera, aber auch auf die Gefährdung des Lebens generell. Außerdem wird die Bühne dominiert von einem riesigen Porträt des Dichters Aschenbach in jüngeren Jahren und einem monumentalen verwelkten Strauß Tulpen, der auch als imaginäre Sanddüne und damit als Tummelplatz des jungen Tadzio dient, zu dem Aschenbach bald eine verstörender Liebe entwickelt.
Kein Zweifel: Alles steht hier von Anfang an im Zeichen des Verfalls. Der Tod ist sicher – und sichtbar in der oft düsteren Bühnenbeleuchtung, im sargartigen Flügel mitten auf der Bühne, von dem aus die Rezitative ihre sparsame Klanguntermalung bekommen. Vick stilisiert, will der Fantasie der Zuschauer überlassen, Venedig, das Wasser, den Strand zu imaginiere. Und verrät doch mit den wenigen, klischeebehafteten Elementen seiner Inszenierung eigentlich genau an den Stellen zu viel, an denen dieses Imaginieren ansetzen könnte: am Morbiden, Unheimlichen. Fast comichaft übertrieben geben sich die Knaben in ihren choreografierten Bewegungen, beim Mehrkampf, im Spiel. Die flexibel umgedeuteten Stühle, der Tisch, die Tulpen: Schnell hat man sich satt gesehen an diesen blutarmen Requisiten, die so wenig mehrdeutig sind und wie Fremdkörper in dieser vergilbten Welt erscheinen.
Und auch wenn das riesige Sängerensemble, allen voran die Hauptfiguren Gustav Aschenbach (souverän in diesem schwierigen und kräftezehrenden Part: Paul Nilon) und seine diversen Antagonisten (In sieben Rollen: Seth Carico), stimmlich wie darstellerisch absolut überzeugen, bleibt vieles dem Eindruck nach vor allem Klang und Geste und fügt sich nicht zu einer stringenten, berührenden Geschichte. So wird die Aufmerksamkeit zwangsläufig auf Brittens Musik selbst gelenkt, die stellenweise atmosphärisch begeistert, aber dann doch immer wieder in sich zusammenzufallen scheint und hinter der Dichte und Dramatik eines „Billy Budd“ oder „Peter Grimes“ zurückbleibt. Dennoch: GMD Donald Runnicles gebührt für seinen unermüdlichen Einsatz für Brittens Opern in den letzten Jahren größtes Lob. Das Orchester der Deutschen Oper ist auch in „Death In Venice“ wieder einmal in Höchstform und widmet sich diesem schwierigen, delikaten Klangfarbentheater plastisch und nie lärmend. Nach der Premiere am 19. März wurden Sänger und Orchester daher verdient gefeiert, das Regie-Team erntete zaghaften Jubel und einige Buhs. So recht wusste das Publikum anscheinend nicht, was es von dieser Verfall-Studie halten sollte.
Noch bis 28. April an der Deutschen Oper Berlin.

Anna Vogt

(Fotos: Marcus Lieberenz)


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