Startseite · CD zum Sonntag

28. Mai — 03. Juni 2016

Das Paradies hat in Mahlers Vierten, der letzten seiner „Wunderhorn“-Sinfonien, ganz schön an Attraktivität eingebüßt. Da singt die Sopranistin, eigentlich aber ein Kind, wie das unschuldige Lämmchen und der Ochse zur Schlachtbank geführt werden – und die Musik peitscht unheilverkündend die Liedstrophen auf. Mahlers Vierte ist ein Weltendrama, das an Doppelbödigkeit wohl nicht zu überbieten ist und doch mit seinen vier überschaubaren Sätzen erst mal den Anschein von Konventionalität erweckt. Aber das Schellengebimmel und die vordergründige Kinderlieder-Heiterkeit im Kopfsatz sind allzu naiv, als dass man ihnen vertrauen könnte. David Zinman gibt mit dem Tonhalleorchester Zürich diesen Zwischentönen, dem Vieldeutigen und Grotesken Raum und macht dabei doch auch auf eine wunderbar homogene Art großartige, klangsatte und berührende Musik.

21. — 27. Mai 2016

Was eignet sich wohl besser, einen musikalischen Picknickkorb für die schönen Tage zu packen, als ein beherzter Griff in die Arien und Sonaten des deutschen Barock? Annette Dasch und die fabelhafte Klangfarben aufbietende Akademie für Alte Musik Berlin haben das schon 2004 getan und sind bei Johann Krieger, Heinrich Albert, Andreas Hammerschmidt und Philipp Heinrich Erlebach fündig geworden. Kennen Sie nicht? Dann lassen Sie sich von den Musikern ruhig mal aus den engen Gassen und vors Tor der Stadt führen, wo man während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in geselliger Runde das Leben feierte. Amor und Nymphen eilen vorbei in erotischer Maskerade, es wird geherzt und geschmaust. Dabei verschweigen die Barockdichter keineswegs, dass diese Lebensfreude in scharfem Kontrast zur Asche des Dreißigjährigen Krieges stand, aus dem sie keimte - im Gegenteil: in Alberts "Rede einer vormals stolzen und sterbenden Jungfrau" wird die Vergänglichkeit bildkräftigt ausgemalt, zur Erinnerung daran, dass das pralle Leben den Tod schon in sich trägt. Und sie mahnt die Zuhörer: "Gedenckt / wie mich der Todt so scheußlich hat gemacht! Ich tantze nur voran / jhr werdet folgen müssen." Unbegleitet, schlicht und damit sehr berührend leitet Dasch die "Abend-Andacht" von Johann Krieger ein, hoffnungsvoll erfüllt Frühlingsvorgeschmack den Wintergesang Heinrich Alberts, um sich dann fröhlich und mitreißend in Kriegers Aria zu erfüllen. "Gottes Weisheit fügt die Sachen, nach der Arbeit folgt die Ruh‘, also leg ich meinen Sachen auch ein müßig‘ Stündchen zu!" Und wer kann solch einem Aufruf an einem schönen Maientag schon widerstehen?

14. — 20. Mai 2016

Auch wenn heute die Kirchen sogar an den großen kirchlichen Feiertagen bisweilen recht leer bleiben: Den religiösen Festen verdanken wir einige der schönsten Kompositionen der Musikgeschichte, gerade und vor allem Pfingsten. Zum Beispiel die Pfingst-Kantate „O Ewiges Feuer, O Ursprung der Liebe“ BWV 34 vom unbestrittenen Kantaten-Meister Bach. Sie findet sich in der 2. Folge – neben den Kantaten BWV 22 und 60 – des so monumentalen wie lobenswerten Kantaten-Gesamtaufnahme-Projekts der Bach-Stiftung St. Gallen. Unter der Leitung von Rudolf Lutz wird hier mit einem eigens zusammengestellten Orchester und Chor der J.S. Bach-Stiftung und sehr versierten Solisten seit Jahren ein Bach-Fest gefeiert und auf CD festgehalten, das als Editionsprojekt seinesgleichen suchen dürfte. Das bewundernswert wahnwitzige Ziel: innerhalb von rund 25 Jahren das gesamte Vokalwerk Bachs aufzuführen, das bedeutet etwa eine Kantate pro Monat! Und so bietet sich gerade das Pfingstwochenende für eine Wiederbegegnung von Bachs vierter und letzter Pfingst-Kantate an. Fünf sehr unterschiedliche, mal prunkvoll, mal innige Sätze bei vokalem Hochgenuss. Frohe Feiertage!

07. — 13. Mai 2016

Sophie Karthäuser ist ein wahrer musikalischer Segen. Mit dem Album von Goethe- und Mörike-Lieder von Hugo Wolf ist ihr gemeinsam mit dem Pianisten Eugene Asti ein kleiner Geniestreich geglückt. Während in der Journalistenwelt das Wort „sprachverliebt“ nicht unbedingt ein Kompliment ist, zeugt dieser Ausdruck bei Sängern meist von Ideenreichtum und dem Willen zur Textanalyse. Karthäuser hört man ihre Sprachverliebtheit sofort an und man kann sich der wundervollen, erzählerischen Atmosphäre nicht entziehen. Selbst der fantasie-, und humorloseste Zeitgenosse wird sich an der wuseligen Ausgelassenheit der Mäuschen im zugleich kürzesten Stück der CD, dem „Mausefallensprüchlein“, freuen können. So leicht und zugleich fieberhaft springt die Sängerin ihnen mit ihrem charakterstarken Sopran nach. Zugegeben, viel lebendiger als z.B. die „Nixe Binsefuß“ können Lieder auch nicht komponiert sein. Aber das Talent Karthäusers, sich in solche durchtriebenen Naturgeister, sowie liebeskranken Mädchen („Mignon“), und die schon erwähnten kleine Nagetiere zu versetzen, passt einfach perfekt zum Anspruch der Wolfschen Vertonungen. Eugene Asti begleitet gentlemanlike: Nicht herausfordernd, aber sehr zielgerichtet. So ganz weiß man bei Duos ja nie, wer hier welche Idee hatte und deshalb hüte man sich, seine Rolle an der Konzeption gering zu schätzen. Er lässt die Sängerin sich in Hugo Wolfs eigenwilligen Harmonien baden und von den zum Teil schwelgerischen Melodien locker mitnehmen – immer die Oberhand über die derben Rückungen behaltend. Dabei fügt sich Sophie Karthäuser nicht immer nur dem oberflächlichen Anschein. Die innere Zerrissenheit der Introspektion des „verlassenen Mägdleins“ weist bei ihr über das eingeschüchterte Mädchen in hilfloser Situation hinaus. Hier wird nicht in sich hineingebrummelt – dieses Mägdlein steht vor dem Entschluss, sein Leben zu ändern. Reinhören!

30. April — 06. Mai 2016

Pure Sinnlichkeit: Auf ihrem Album „Rosso“ mit italienischen Barockarien kostet die französische Sopranistin Patricia Petibon alle Facetten ihrer Stimme aus. Da wird geseufzt, gelacht, gegurrt – und natürlich hervorragend gesungen, denn Petibon brilliert mit wahnwitzigen Koloraturen ebenso wie sie mit ihrer emotionalen Gestaltungskraft berührt. Gemeinsam mit dem Venice Baroque Orchestra und Andrea Marcon präsentiert die rothaarige Sängerin so ein ganzes Panorama der barocken Affektenwelt: von quirliger Lebensfreude über nachdenkliche Melancholie bis zur todbetrübten Traurigkeit. Ein Konzentrat quasi der frühen Oper, die im Barock von Italien aus ihren Siegeszug durch ganz Europa antrat. Der Booklet-Text verspricht für die sehr unterschiedlichen Arien, die von italienischen Meistern wie Sartorio, Stradella, Scarlatti und Porpora ebenso stammen wie vom großen Georg Friedrich Händel, überraschende Wirkungen, starke Gefühle und Erstaunen. Dass diese Vielfalt des Albums nicht den Eindruck reiner Beliebigkeit vermittelt, verdankt die CD vor allem ihrer geschickten Affekten-Dramaturgie. Sechs Jahre ist diese zeitlose CD nun alt, und man hört immer wieder gern hinein. Brava Petibon!

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CD zum Sonntag:

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