Startseite · CD zum Sonntag

21. — 27. Januar 2017

Zwei echte „Schwanengesänge“ hat die Bratschistin Pauline Sachse auf ihrem neuen Album vereint: Schuberts gleichnamige letzte Liedsammlung (auf ihr Instrument übertragen) und Schostakowitschs Viola-Sonate op. 147. Die Frage, ob die von Schubert selbst solistisch ausgesparte Bratsche die menschliche Stimme ersetzen kann, beantwortet sich mit den ersten Tönen: Sie kann es, aufs Beste. Je nach Lied mal duftig tänzerisch oder mal mit markant schicksalssatt gesetzten Bass-Oktaven: von Lauma Skride am Flügel derart einfühlsam begleitet, kann Sachse ihr eigenes Instrument intensiv atmen und gestalten lassen, so dass sich der Schubert-Text im Kopf von selbst einstellt. Das Timbre der Bratsche bleibt dabei nicht in der Komfortzone wohliger Brusttonlyrik stehen, sondern reicht in den Heine-Liedern bis in die ungemütlich fahlen, saitenrauhen Register. Ein Ausdrucksspektrum, das für Schostakowitschs Sonate grundlegend ist, und das Sachse in umgekehrter Reihenfolge einzusetzen weiß. Werden bei Schubert die romantischen Poesiewelten gegen den Einbruch der Verzweiflung verteidigt, kann in Schostakowitschs Sonate erst zwischen all die grinsende Verlogenheit und Verzweiflung hindurch das Adagio sein abschiedshaftes Leuchten entfalten. So wird dieses Album nicht erst durch den selbstgeschriebenen, die vielfältigen Bezügen der Werke offenlegenden Booklettext – wohl aber durch ihn gesteigert – zum Hörerlebnis.

14. — 20. Januar 2017

Was für ein cooler Kerl! Von seinen CD-Covers blinzelt uns Nikolai Kapustin mit dicker Nerd-Brille und Schnauzbart verschmitzt zu. Am Klavier aber ging bei ihm in den letzten Jahrzehnten die Post ab: Der 1937 in Russland geborene Kapustin ist eine künstlerische Doppelbegabung als Pianist und Komponist. Und ein überzeugter Grenzgänger, denn er vermengt in seinen Kompositionen wie kaum ein anderer die Sphären von Klassik und Jazz. Jede Note ist bei ihm akribisch auskomponiert, und seine Werke tragen traditionelle Titel wie „Sonate“, „Variationen“ oder „Toccatina“. Dahinter aber verstecken sich rasante Tastenfeuerwerke, die gleichzeitig coolen Swing und höchste technische Perfektion von den Interpreten einfordern, wie auf dieser Einspielung von der blutjungen koreanischen Pianistin Sukyeon Kim. Fingerbrecherisch mutet das an, und irgendwie wahnsinnig. Und dabei so voller Energie, dass der Puls beim Hören automatisch in die Höhe schnellt. Ein gutes Gegenmittel für den Januar-Blues!

07. — 13. Januar 2017

Das Thermometer satt im Frostbereich, und mancherorts überzieht eine leichte Schneedecke unter den Sonnenstrahlen des wolkenlosen Himmels alles mit einem feinen Glitzern – „Winterträume“ in Deutschland? Piotr Tschaikowski, der mit 26 Jahren seine erste Sinfonie unter diesem Namen veröffentliche, lässt keine süßliche Idylle aufkommen. Dafür besitzt der ihm vertraute russische Winter – im Gegensatz zum hiesigen Matschgrau – einfach viel zu scharfe Eiszähne. Doch auch jenseits des Atlantiks, in den Avenues von Manhattan, weiß man alljährlich mit extremer Kälte umzugehen. Pablo Heras-Casado stellt sich als Chef seines New Yorker Orchestra of St. Luke‘s jedenfalls entschieden gegen den vertrauten, mal schwermütig-harten, mal gedämpft-seidigen Klang sonstiger Protagonisten russischer Sinfonik wie Mravinsky oder Pletnev. So straff und aggressiv startet er in den Kopfsatz, dass die Flocken wirbeln. Kammermusikalisch zart fasst er das „Land der Nebel“ im zweiten Satz auf, um im Finale einen rhythmisch pointiert gemeißelten, glasklar durch die Stimmen geführten Rausschmeißer zu servieren, der sich in diesem Klangbild wie selbstverständlich noch neben Mendelssohns Tarantella aus der Vierten Sinfonie stellen ließe. So kann man sich zum Jahresbeginn mal echte „Winterträume“ bescheren – wenn auch im kuschelig Warmen auf der heimischen Anlage genossen.

24. — 30. Dezember 2016

Wem „Last Christmas“ zu schmalzig und Bachs „Weihnachtsoratorium“ zu besinnlich ist, der hat mit der neuen CD „Christmas Songbook“ der britischen A-cappella-Truppe „The King´s Singers“ vielleicht den perfekten Weihnachts-Mix gefunden. Seit dem letzten Sommer ist das sechsköpfige Ensemble nun in kompletter Neubesetzung zu hören: King´s Singers Version 2.0 sozusagen. Und dass die sechs Sänger hervorragend in die Fußstapfen ihrer berühmten Vorgänger passen, hört man hier vom ersten bis zum letzten Ton. Bekannte Weihnachts-Classics wie „Santa Claus Is Coming To Town“, „White Christmas“ oder das Evergreen „Rudolph, the Rednosed Raindeer“ versprühen neu arrangiert und zum Teil leicht swingend, bisweilen mit Vocal Percussion unterlegt, eine beschwingte Feierlaune. Aber auch die besinnlicheren Traditionals wie „Still, Still, Still“ oder „Silent Night“ fehlen nicht und sorgen für ruhigere Momente in all der Feierlaune. „Christmas Songbook“ ist ein Album, das zwar sicher nur einmal im Jahr seine Glanzzeit hat, aber dann den perfekten Weihnachts-Soundtrack zumindest für A-cappella-Fans liefert.

17. — 23. Dezember 2016

Eine Rose im Winter: Es sind die einfachen, klassischen Symbole der Weihnachtszeit, die in den Texten von Bob Chilcotts Chorwerken eine Rolle spielen. Und auch die Musik, die er zu diesen Texten komponiert hat, ist klassisch, geradlinig, eingängig. Doch seine Melodien sind alles andere als simpel, und handwerklich mit allen Finessen gesetzt. Kein Wunder: Bob Chilcott ist praktisch mit allen Weihwassern gewaschen, er begann als Chorsänger im Choir of King‘s College Cambridge, bevor er 12 Jahren den berühmten King‘s Singers als Tenor angehörte. Im Mittelpunkt der von Commotio unter Matthew Berry herrlich klar, warm im Klang und vor rührseligen Verschleppungen gefeiten Aufnahme steht neben früheren Einzelkompositionen wie dem berühmten "The Shepard‘s Carol" hier Chilcotts weihnachtlicher Chorzyklus "On Christmas Night" aus dem Jahr 2010, der – ohne wörtliche Nacherzählung – die "wunder-baren" Facetten der Weihnachtserzählung reflektiert. In seine Neukompositionen sind dabei immer wieder bekannte Weihnachtslieder als Gegenstimmen eingeflochten, die sich ab der zweiten Strophe so nahtlos ins Geschehen fügen, als wären sie seit jeher für diese Rolle gedacht gewesen. Klanglich angereichert mit Chorsolisten und Kammerensemble verströmt "On Christmas Night" gerade in diesem Anknüpfen des Neuen ans Altvertraute eine innige und unverbrauchte Weihnachtsfreude.

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CD zum Sonntag:

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