Startseite · CD zum Sonntag

23. — 29. Juli 2016

Komponieren war im 17. Jahrhundert (und weit darüber hinaus) eindeutig Männersache. Das Phänomen Barbara Strozzi bestätigt als Ausnahme umso mehr diese Regel. Zu verdanken hatte die Italienerin ihren beachtlichen Weg nicht nur ihrem grandiosen Talent, sondern auch einem kunstliebenden Vater, der sie förderte: Giulio Strozzi war Dichter und Librettist, in seiner 1637 gegründeten „Accademia degli Unisoni“ traf sich die künstlerische High Society Venedigs. Und seine Tochter nutzte die Plattform, um sich schon als junge Frau nicht nur als hervorragende Sopranistin vorzustellen, sondern auch Eigenkompositionen zu promoten – vor allem Vokal-Werke, die sie auf Texte u.a. ihres Vaters und anderer Akademie-Mitglieder komponierte, karrieretechnisch vermutlich ein kluger Schachzug. Mit Francesco Cavalli und Marc Antonio Cesti hatte sie zudem zwei erstklassige Komponisten als Lehrer, künstlerisches Vorbild war ihr aber vor allem Claudio Monteverdi. Und das hört man in diesem Querschnitt durch ihr Schaffen, das die Cappella Mediterranea unter Leonardo Garcìa Alarcón mit den Sängerinnen Mariana Flores und Céline Scheen dieser „Virtuosissima compositrice“ gewidmet hat. Strozzis Madrigale, Arien und Kantaten sind virtuos und innig, mal tonmalerisch verspielt, dann wieder zu Tode betrübt wie im Lamento „Che si può fare“: das Gefühlspanorama des 17 Jahrhunderts aus einer weiblichen Perspektive. Eine entdeckenswerte Rarität, lupenrein und ausdrucksstark musiziert!

16. — 22. Juli 2016

Das hat er sich selbst eingebrockt: Kaum ist der überwältigende Erfolg seines Oratoriums "Die Schöpfung" verklungen, sieht sich Joseph Haydn von allen Seiten gedrängt, mit einem neuen Werk an den Jubel anzuknüpfen. Etwas widerwillig macht er sich an die Arbeit, die sich für den damals bereits 67-jährigen quälende zwei Jahre hinziehen wird. Und obwohl auch diesmal wieder Baron Gottfried von Swieten das Libretto verfasst hat, ist das am 24. April 1801 uraufgeführte Oratorium "Die Jahreszeiten" längst nicht die Sensation seines Schwesternwerks. Zum einen fehlt der pathetisch-religiös aufgeladene Ton, da es sich diesmal nicht um ein biblisches Geschehen wie bei der Vertonung der Genesis handelt. Durch den profaneren Anstrich können sich manche der musikalischen Bilder in den "Jahreszeiten" auch einer unfreiwilligen Komik nicht entziehen. Andere hingegen überzeugten schon das Aufführungspublikum, etwa der Sonnenaufgang, das Sommergewitter oder der Weinjubel der betrunkenen Arbeiter. Haydn bekannte, einen "so komischen Kontrapunkt, eine so besoffene Fuge habe ich noch nie geschrieben". So war es mal wieder dem Sängerdirigenten René Jacobs zu verdanken, ein unter Wert gehandeltes Chorwerk aus Umbruchszeiten erst mit fleißiger Forschung zum zeitgeschichtlichen Horizont aufpoliert und anschließend ganz unakademisch klangsinnlich präsentiert zu haben. Dahin sind alle Bürgerlichkeit, Bemühtheit, Biederkeit, die dem Oratorium sonst ankleben wie Kohlgeruch. Das fantastische Solistentrio Marlis Petersen, Werner Güra und Dietrich Henschel übertrifft seine Klangschönheit nur noch mit der klaren, unverstellten Aussprache. So halten sie noch in stockenden, bedrohlichen Accompagnati wie kurz vor dem Sonnenaufgang im Sommer mit wenigen, unbetonten Silben eine enorme Spannung aufrecht. Diesen Ball spielt das Freiburger Barockorchester gerne zurück: in diesen hellwachen und mit Lust musizierten "Jahreszeiten" werden Haydns für bemüht gehaltene Tonbilder zu einem augenzwinkernd-frechen Kommentar des Librettos, das den Hörer aufmerksam bei der Stange hält. Auch mit zwölf Jahren auf dem Buckel ist dieser Bilderbogen eines idealisierten Landlebens kein Museumsschinken - sondern ein traufrischer Genuss.

09. — 15. Juli 2016

Live-Aufnahmen sind immer eine heikle Sache, da kann viel schiefgehen. Doch Dvořáks „Dumky-Trio“ offenbart in diesem Konzert-Mitschnitt vom „Spannungen“-Festival 2013 weder Nervosität noch technische Schwierigkeiten der Musiker Lars Vogt, Christian Tetzlaff und Marie-Elisabeth Hecker. Stattdessen: traumwandlerische technische Sicherheit und homogenes Miteinander, so dass man sich als Zuhörer einfach nur entspannt zurücklehnt und lauscht. Dem Wechsel von Dunkelheit und Licht etwa im „Dumky-Trio“, in dem Leichtigkeit und Schwere eine für slawische Länder so typische Melange eingehen. Es ist eine erdverbundene Kunst, die ihre Wurzeln in den alten volksmusikalischen Traditionen Osteuropas hat. Dabei nannte Dvořák dieses visionäre, sechssätzige Klaviertrio mit der ihm eigenen Bescheidenheit etwas „Winziges. Es wird fröhlich und traurig sein: manchmal wie ein düsteres Lied, dann wieder wie ein fröhlicher Tanz, aber in leichterem Stil, populärer sozusagen.“ Schon Liszt und Tschaikowski hatten die Dumka, eine Art erzählendes Volkslied, in ihr musikalisches Schaffen integriert. Bei Dvořák wird die Dumka zur zeitlosen Geschichte ohne Worte. In der inspirierten Lesart auf dieser CD verrät sie, ebenso wie der folgende Quartett-Zyklus „Zypressen“, auch den hohen Anspruch eines der kleinen, spannenden Sommerfestivals, das musikalisch unter Starkstrom steht.

02. — 08. Juli 2016

Blutwunder, Trance und Pater Pio: Der Süden gilt landläufig als jene Ecke Italiens, wo die katholische Kirche den stärksten Einfluss hat. Dies gelang ihr jedoch nur in einer lokalen Variante intensiver Frömmigkeit, in der sich der Ritus mit heidnischen Ritualen und den Blüten eines Aberglaubens vermengt, die bis in die griechisch-römischen Gründerjahre zu reichen scheinen. Im Schatten des Vesuvs wäre die "Scaramanzia", die Beschwörung, also am rechten Fleck. Für den Lautenist Rolf Lislevand, der aus der Kühle Norwegens stammt, verweist der Titel seines 2015 erschienenen Albums auf die Magie, die den darauf versammelten musikalischen Formeln innewohnt: Canarios, Tarantella, Passacaglia und Romanesca. Gänzlich wird diese Magie aber eingelöst im Zusammenspiel der vier Musiker, die ihre Seele hier einer echten Improvisation verschreiben, also sich über die im Barock üblichen und heute in der Aufführungspraxis gerne eingesetzten Diminutionen und Varianten des Grundthemas weit hinauswagen. Dafür greifen sie ausschließlich auf Saiteninstrumente - wie Barockgitarre, Chitarra battente, Theorbe und das seltene Urviech Colascione - zurück, die idealerweise die harmonische, und bei virtuoser Beherrschung auch die melodiöse Ebene der Musik in sich vereinen können. "Scaramanzia" ist also ein Album, das fernab aller Crossover-Moden eine belastbare Brücke schlägt - zwischen der DNA frühbarocker Tanzformeln und dem Musikempfinden heutiger Meister ihres Instruments. Daraus entsteht eine Klangerfahrung, die den Hörer - unweigerlich, aber wortwörtlich - in ihren Bann schlägt.

25. Juni — 01. Juli 2016

„Hora cero“ – Stunde Null – heißt das neue Album der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, nach Piazzollas berühmtem Tango „Buenos Aires Hora Cero“. Auf dieser CD spielen sich die Cellisten mit leidenschaftlichem Feuer und atemberaubender Technik durch 16 Tango-Bearbeitungen und zeichnen mit diesen ein Gefühls-Panorama Argentiniens musikalisch nach. Die meisten der kunstvollen Arrangements stammen vom Cellist David Riniker, denn Originaltangos für diese ausgefallene Besetzung gibt es natürlich kaum. Was schade ist, wie diese glühende Tango-Hommage der 12 Cellisten nun beweist. Denn der samtige, dichte Klang des tief timbrierten Ensembles, der sich immer wieder in unterschiedlichste Register aufsplittet, der Melancholie und Feinsinn genauso kennt wie ruppige und dreckige Percussioneffekte: Er scheint für den Tango geradezu prädestiniert zu sein. Im Mittelpunkt steht – natürlich! – Astor Piazzolla mit seinen zeitlos schönen Kompositionen wie „Libertango“ oder „Soledad“. Doch daneben kann man auch unbekanntere Tango-Meister wie Horacio Salgán, José Carli oder Pasquale di Stefano kennen lernen. Die Platte wurde übrigens im kalt-grauen Januar in Berlin-Lichterfelde aufgenommen. Doch sie ist der perfekte Soundtrack für laue, ein wenig melancholische Sommernächte nach hitzedurchglühten Tagen. Und die gibt’s nicht nur in Buenos Aires.

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CD zum Sonntag:

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