Startseite · CD zum Sonntag

03. — 09. Dezember 2016

Wer möchte an Weihnachten schon bei Wasser und Knäckebrot sitzen? Mut zu Speck und Schlagsahne, wird sich Howard Arman gedacht haben, als er für das vorliegende Album vertrautes und nicht so bekanntes Weihnachtsrepertoire ordentlich aufgemöbelt und mit herrlich süffigem Breitwandsound versehen hat. Seit dieser Spielzeit Chef beim Chor des Bayerischen Rundfunks, hat Arman für seinen Klangkörper und das Münchner Rundfunkorchester - ebenso vollmundig, wie geschmackvoll - sämtliche Kunstgriffe des Arrangierens gezogen und dabei an die großen Vorbilder Leroy Anderson (der das Album auch mit seinem "Christmas Festival" eröffnet) und Arthur Harris, dem Arrangeur des Weihnachtsalbums "The Glorious Sound of Christmas" von 1962, angeknüpft. So wird "O du Fröhliche" zu einem Kanon, in dem sich der Chor in hymnischen Schichtungen übertönt. Oder das Orchester übt sich in freien Einwürfen bei "O Tannenbaum". In "Noel Nouvelet" scheinen Chor und Orchester sogar im Wettstreit miteinander zu stehen, wer den Ton angeben darf - das ist spannend zu hören und macht selbst abgenudelte Klassiker wieder frisch. Den Rest bilden Evergreens, wie nochmal Anderson mit dem "Sleigh Ride", Berlins "White Christmas" oder "Santa Claus Got Stuck in My Chimney". Und auch ein paar Spirituals und rassige südamerikanische Rhythmen fehlen nicht. Endlich mal wieder eine beherzt präsentierte und mit viel Liebe abgeschmeckte Weihnachtsmischung, ohne Elektroschnickschnack oder vordergründiges Star- und Sternchen-Marketing.

26. November — 02. Dezember 2016

Was macht der Blues in einer Violinsonate? Maurice Ravel war in den klangberauschten 20er Jahren wohl einer der am freisten denkenden Köpfe Europas. Ohne Scheu nahm er die unterschiedlichsten populärmusikalischen Sphären oder alte kompositorische Formen und verband sie mit seiner ganz eigenen, kraftvollen Musiksprache. In seiner 2. Violinsonate aus den Jahren 1923 bis 27 beispielsweise groovt und jazzt es im zweiten Satz, dass man kaum seinen Ohren traut. Einkomponierte Blue Notes, der perkussive Einsatz des Klaviers und nachgeahmte Saxofonklänge in der Geige führen den Blues gekonnt ins „ernste“ Kammermusikfach ein – und das, bevor Ravel überhaupt erstmals die USA bereiste. Der dritte Satz, ein motorisch vorwärtsjagendes „Perpetuum mobile“, schlägt dann wieder eine ganz andere Richtung ein und lässt den Solisten seine Virtuosität voll ausspielen, wie hier in der Aufnahme von 1990. Viktoria Mullova, begleitet von Bruno Canino, zeigt, was sie hat: stabile Nerven, viel Selbstvertrauen, vor allem aber sehr flinke Finger und eine herausragende Bogentechnik. Da ist der Blues des zweiten Satzes schnell vergessen, es lebe die Bewegung!

19. — 25. November 2016

Wie im pietistischen Leipzig üblich, kreisen auch viele Kantaten Johann Sebastian Bachs um die Abkehr von der Welt und Verklärung des Todes als Tor zur erlösten Ewigkeit. Was also könnte besser zum Totensonntag passen, als der so genannte Actus tragicus, "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit" BWV 106. Diese Kanatate ist in verschiedener Hinsicht äußert merkwürdig und ins frühe Schaffen Bachs so gar nicht einzuordnen, dem sie wahrscheinlich angehört (sie dürfte um 1707/08 entstanden sein). Merkwürdig ist sie, weil sich kein Anlass mit Bestimmtheit ausmachen lässt, merkwürdig die instrumentale Besetzung, die klanglich auf die Trauersphäre verweist, mit dem süßen Klang der Blockflöten, getragen nur von einem tröstlich schimmernden Gambenconsort). Ja, und merkwürdig ist auch auch der offene Textstand, der nicht wie später einem zugrundeliegenden Choral folgt, sondern aus frei zusammengestellten Zitaten und Sprüchen um das Thema angeordnet wurde: Die Endlichkeit des Daseins und die Erlösung des Menschen in Gott. Diese Freiheit im Text erlaubt umso ausdifferenzierte, die Gefühle ausdeutende Musik, und der gerade mal 22-jährige Bach macht von dieser Freiheit ausgiebig Gebrauch. So folgen wir den wechselnd beleuchteten Textabschnitten wie durch einen Bilderbogen. An dessen Ende steht die Verheißung: "Heute wirst Du mit mir im Paradies sein", wie auch in späteren Kantaten als Christuswort dem Bass anvertraut. Und der Alt, der zuvor sang: "In Gottes Hände begebe ich meinen Geist" kann nun in Gewissheit die Choralmelodie einwerfen: "In Fried und Freud fahr ich dahin". Philippe Pierlot und das Ricercar Consort haben dem Actus tragicus thematisch verwandte Kantaten zur Seite gestellt und lassen diesen geistlichen Schatz auch aus dem Heer der Vergleichsaufnahmen hervorleuchten: mit inniger, friedvoller Ruhe in den Trauersätzen, aber auch schwungvoller, freudiger Geste, wo die Musik die Herrlichkeiten des Paradieses in Aussicht stellt.

12. — 18. November 2016

Mäzen: So unschön dieser Begriff klingt, so herzlich sollten wir uns heute bedanken bei den Gönnern und Förderern, den wohlhabenden, glühenden Musikliebhabern der Wiener Klassik, ohne die vermutlich manch ein Meisterwerk nie entstanden wäre. Zu diesen idealistischen Geldgebern gehörte etwa der russische Diplomat Andrei Rasumowsky, der ab 1805 am Wiener Hof beschäftigt war, Beethoven mit mehreren lukrativen Aufträgen versah und in seinem herrschaftlichen Palais auch zahlreiche Uraufführungen ermöglichte. Zum Dank erhielten Beethovens drei „mittleren“ Quartette op. 59 den Beinamen „Rasumowsky“-Quartette. Zwar waren die Zeitgenossen angesichts der Komplexität und Länge der drei Quartette (jedes dauert 30 bis 40 Minuten!) irritiert, und die Musiker des Schuppanzigh-Quartetts hielten die Noten, die Beethoven ihnen vorlegten, sogar zunächst für einen schlechten Scherz. Heute aber gehören sie zum Wichtigsten, was das Quartett-Repertoire zu bieten hat. Und was Beethoven mit diesen Quartetten für einen Entwicklungssprung machte, wird auf dieser CD des Hagen-Quartetts deutlich, in denen das „frühe“ Quartett Op. 18 Nr. 1 auf das erste der „mittleren“ Quartette op. 59 trifft. Nur fünf Jahre liegen zwischen diesen beiden Zyklen – und doch eine ganze Welt.

05. — 11. November 2016

Brexit hin, Ultra-Nationalisten her, Armut im Süden und reiche Arroganz im Norden: Es ist ein einziges Theater um Europa derzeit. Die Bühne dafür ist jedoch keineswegs Brüssel, sondern das Internet, das als digitaler Nachfolger des Forum Romanum noch immer alle versammelt, die sich zum weiteren Fortgang qualifiziert oder leidenschaftlich äußern wollen. Zu Zeiten von Georg Philipp Telemann war Europa so wohlsortiert wie ein Setzkasten. Jede Nation hatte ihr unverwechselbares musikalisches Gesicht und ihre Rolle im, nunja: Europäischen Konzert. Das war zumindest in Tönen wohlklingender als auf den reichlichen Schlachtfeldern. Angetrieben wurde der Tanz der Nationen vom Dualismus zwischen dem gravitätischen Frankreich und dem heißblütigen Italien, verkörpert durch ihre Lieblingsformen Suite und Konzert. Die Deutschen saßen zwischen allen Stühlen, genauso wie heute. Wenn Telemann in seiner Suite "Les Nations" also die Länder porträtiert, gehören für ihn die Schweizer und Türken dazu, anders als heute. Aber umso abwechslungsreicher in Rhythmus, Affekt und weltläufigem Geschmack. Den Löwenanteil daran hat das Ensemble Masques von Olivier Fortin: mit sattem Bassregister, silbrig-agilen Violinen, vor allem aber einem untrüglichen musikantischen Puls lässt es den als Vielschreiber missverstandenen Weltenbürger Telemann glänzen. Und verwandelt sein europäisches Theater in eine göttliche Komödie. Da kann man selbst dann noch über den ebenfalls musikalisch porträtierten Pechvogel Don Quixotte lachen, wenn man, umstellt von Populisten, den Kampf gegen Windmühlen plötzlich nicht mehr für ein untrügliches Zeichen von Wahnsinn hält.

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CD zum Sonntag:

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