Startseite · CD zum Sonntag

24. — 30. September 2016

Ganz schön geflunkert: Mit einer Annonce in der Wiener Zeitung bietet Wolfgang Amadeus Mozart 1783 drei neue Klavierkonzerte zum Kauf an. Und versichert einem breiten Publikum von hausmusikalisch Interessierten, sie seien nicht nur mit großem Orchester mit Bläsern, sondern "auch nur a quattro, nämlich mit 2 Violinen, 1 Viole, und Violoncello", also einem Streichquartett, aufzuführen. Das war ein billiger Marketingtrick, denn der Blick in die Partitur zeigt, dass Mozart von Anfang an neben den vier zuerst aufgezeichneten Streicherstimmen auch die Bläser eingeplant hatte. Und tatsächlich haben sie in den drei Werken eine tragende Rolle, etwa in den Echopartien im Larghetto des F-Dur-Konzerts. Vielmehr zeigt sich gerade in der neuen Einspielung mit Kristian Bezuidenhout und dem Freiburger Barockorchester, wie experimentell Mozart die Gattung Klavierkonzert in seinen Wiener Jahren auslotete, mit Instrumentenkombinationen, dem Aufbau der Sätze und stets überraschenden musikalischen Effekten spielte. So öffnet das bewusst klein besetzte Orchester der Freiburger in den kammermusikalischen Abschnitten der Konzerte ein herrlich federndes Wechselspiel zwischen Solist und Orchestermusikern, ohne dass man im Tutti auf Glanz und vollmundigen Prunk verzichten müsste. Denn ebenso getrost wie Mozarts Marketingtrick kann man inzwischen auch die Legende vom verkannten todesahnenden Genie in die Rubrik "Märchenstunde" verschieben: mit der Ankunft in der Kaiserresidenz Wien begannen für den Komponisten Jahre, in denen er optimistisch in die Zukunft blickte, bestrebt darin, seinen Stil zu imperialer Grandezza auzubauen. Und voller Stolz kann er von der Uraufführung des C-Dur-Konzertes, das mit Trompeten und Pauken glänzt, dem Vater berichten, "daß seine Mayestätt der kayser auch zugegen war, und wie vergnügt er war, und was für lauten beyfall er mir gegeben."

17. — 23. September 2016

Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ („Quatuor pour la fin du temps“) ist nicht nur tiefreligiöse Musik und berührende Klangkunst, sondern auch Zeitzeugnis einer der dunkelsten Abschnitte des letzten Jahrhunderts: Der französische Komponist komponierte das achtsätzige Quartett 1941 in der deutschen Kriegsgefangenschaft in Görlitz. Und so war die ungewöhnliche Besetzung mit Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier vor allem dem damaligen Angebot an Musikern im Gefangenenlager geschuldet, die es vor 400 ergriffen Lauschenden in einer Baracke uraufführten. Das Erstaunlichste aber an diesem Werk: Es fokussiert sich nicht auf das Leid der damaligen Zeit, vermittelt nichts von den widrigen Umständen von Messiaens persönlicher Lebenssituation, ist keine Anklage. Stattdessen ist das „Quartett für das Ende der Zeit“ geprägt von Zuversicht, von Hoffnung und Trost. Fließend, fast improvisierend entfalten sich die acht Sätze, die einem Art religiösen „Programm“ folgen, in dem auch die von Messiaen so geliebten Vögel nicht fehlen (3. Satz, „Abgrund der Vögel“). Sie dienen hier als positives Symbol, als das „Verlangen nach Licht, nach den Sternen und Regenbögen und nach jubilierenden Stimmen“, wie Messiaen dazu schrieb. Lautmalerei und bewegte Klangflächen, atmosphärische Entwicklungen und gefühlter Zeitstillstand, all das wechselt sich im langsamen Fluss ab in diesem Jahrhundertwerk, das vor allem von einem zeugt: dem Willen zur Versöhnung und zur Hoffnung. In der hier empfohlenen Aufnahme mit dem Trio Wanderer und Klarinettist Pascal Moraguès aus dem Jahr 2008 findet das „Quartett für das Ende der Zeit“ sensible Fürsprecher. Ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Kammermusikerlebnis!

10. — 16. September 2016

Liebeserklärungen an eine Perücke: Von allen Barockkomponisten hat allein Bach es geschafft, mit seiner Musik Eingang ins Repertoire der Tastenlöwen und Klaviervirtuosen der vergangenen Epoche gefunden zu haben - weit vor den ersten Schritten der historisierender Aufführungspraxis. Galt er mit seinen Klavierwerken in der pianistischen Ausbildung des 19. Jahrhunderts eher als Vorbereitung auf Beethovens Sonaten, inspirierten seine Orgel- und Orchesterstücke doch manche tastendonnernde Transkription. So etwa aus der Feder von Franz Liszt, später auch Ferurrcio Busoni, Sergei Rachmaninov, Wilhelm Kempff und Myra Hess. Dass es sich dabei nicht um Fingerübungen, sondern echte Liebeserklärungen an die musikalische Schöpferkraft des Thomaskantors handelt, lässt sich am Album von Bernd Glemser nachhören, der 2007 eine Auswahl solcher Übertragungen einspielte. Natürlich muss man dabei weder auf die erhabene d-Moll-Toccata verzichten, noch auf Busonis Lesart der Choralbearbeitung von "Wachet auf, ruft uns die Stimme". Weniger eine notengenaue Transkription als eine Neuschöpfung und Fortspinnung auf seinem Instrument schuf hingegen Sergei Rachmaninov mit drei Sätzen aus der sprühenden E-Dur-Violinpartita. Kaum ist das Preludio mit seinen Fanfaren und rasenden Läufen verklungen, entpuppt sich die Gavotte en Rondeau - wie Rachmaninov sie verstand - als ein zauberhafter Moment des nachdenklichen Innehaltens, eine echte Klavierminiatur.

03. — 09. September 2016

Bei nur wenigen Instrumenten liegt nerviges Quäken und berührendes Schwelgen technisch so nah beieinander wie bei der Oboe. Unbestrittener Meister in der zweiten Kategorie ist seit vielen Jahren Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Auf seiner 2012 erschienenen CD „Schilflieder“ zeigt er die besten Seiten seines Instruments, zum Teil auch im Zusammenspiel mit namhaften Kammermusikpartnern. Der doppeldeutige Titel der CD – schließlich ist ja die Oboe mit ihrem Doppelrohrblatt selbst eine Art Schilfgras-Instrument – bezieht sich vor allem auf August Klughardts bittersüße „Schilflieder“ op. 28, die hier ins Rampenlicht gerückt werden. Es sind fünf poetische Musikminiaturen aus dem Jahr 1872 nach einem Gedichtzyklus von Nikolaus Lehnau. Es geht in den romantischen Texten– natürlich! – um die unerfüllte Liebe, verklärt vor allem durch Natur-Metaphern der Weite und Einsamkeit. Dem Komponisten waren Lehnaus Zeilen zwar Inspiration, dem Hörer aber bleiben sie vorenthalten, ihr Inhalt vermittelt sich nur subtil in klingenden Situationsbeschreibungen, die die Oboe, zum Teil im Dialog mit der samtig-dunklen Bratsche (hier mit Tabea Zimmermann) durchlebt. Jagende Wolken, Abendstimmung, das leise Rauschen der Schilfrohre, ein aufziehendes Spätsommergewitter und die Ruhe nach dem Sturm. Natur, Emotion und Musik in der unschlagbaren Symbiose der romantischen Ausdruckskunst!

27. August — 02. September 2016

1943, also mitten im zweiten Weltkrieg, begann der Schauspieler Laurence Olivier, stets als Titelheld und Regisseur zugleich, mit "Henry V." ein Projekt großangelegter Shakespeare-Verfilmungen. Die waren nicht allein als Besinnung auf das kulturelle Erbe der Insel und ihren größten Dichter zu verstehen. Der Stoff um den jungen König mit Heinrichs beflügelndem Apell zum Beginn der Schlacht von Agincourt gegen die übermächtigen Franzosen konnte gar nicht anders begriffen werden denn als Durchhalteruf an die unter dem Krieg leidende Bevölkerung. Das Folgeprojekt "Hamlet" von 1947 fand zu Friedenszeiten schon weniger Beachtung, und mit "Richard III.", obwohl 1955 in Anwesenheit der jungen Königin Elizabeth II. in London uraufgeführt und von der Kritik einhellig gelobt, landete der wohl größte Bühnendarsteller Englands einen finanziellen Bauchplatscher: Von den eingesetzten 6 Mio. Pfund spielte der Streifen nur 3 Mio. wieder ein. Die Filmmusik, die der hierzulande zu Unrecht weniger bekannte Komponist William Walton schrieb, stellt hingegen einen inflationssicheren Mehrwert dar und wirft uns klanglich hinein in die opulenten, optimistischen Höhepunkte des Abenteuerfilms in Farbe. Mit kräftigen Fanfaren, die den höfischen Prunk und das Flattern der Turnierfahnen vor Augen führen, modern abgeschmeckten Pavanen und ein paar emotionalen Gravitationszentren, etwa der Passacaglia auf Falstaffs Tod entrollt sich vor uns ein prachtvoller Bilderbogen. Dass hier und da "geborgt", einmal sogar eine ganze Episode aus Canteloubes "Chants d`Auvergne" abgeschrieben wird, tut dem keinen Abbruch, sondern erhöht den Wiedererkennungswert im Kino. Mit seinen Scores hat Walton alles in allem eine auch über den Kinomoment hinaus gültige Liebesheirat von vermuteten Harmonien und Rhythmen der Spätrenaissance mit den Anforderungen des Films und den Gewohnheiten von Hörern des 20. Jahrhunderts arrangiert. In dieser Aufnahme steht er nicht nur selbst am Pult, in den abschließenden Szenen aus "Henry V." ist auch Laurence Olivier selbst mit seinem noblen, kernigen Timbre zu hören.

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CD zum Sonntag:

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