Startseite · CD zum Sonntag

27. August — 02. September 2016

1943, also mitten im zweiten Weltkrieg, begann der Schauspieler Laurence Olivier, stets als Titelheld und Regisseur zugleich, mit "Henry V." ein Projekt großangelegter Shakespeare-Verfilmungen. Die waren nicht allein als Besinnung auf das kulturelle Erbe der Insel und ihren größten Dichter zu verstehen. Der Stoff um den jungen König mit Heinrichs beflügelndem Apell zum Beginn der Schlacht von Agincourt gegen die übermächtigen Franzosen konnte gar nicht anders begriffen werden denn als Durchhalteruf an die unter dem Krieg leidende Bevölkerung. Das Folgeprojekt "Hamlet" von 1947 fand zu Friedenszeiten schon weniger Beachtung, und mit "Richard III.", obwohl 1955 in Anwesenheit der jungen Königin Elizabeth II. in London uraufgeführt und von der Kritik einhellig gelobt, landete der wohl größte Bühnendarsteller Englands einen finanziellen Bauchplatscher: Von den eingesetzten 6 Mio. Pfund spielte der Streifen nur 3 Mio. wieder ein. Die Filmmusik, die der hierzulande zu Unrecht weniger bekannte Komponist William Walton schrieb, stellt hingegen einen inflationssicheren Mehrwert dar und wirft uns klanglich hinein in die opulenten, optimistischen Höhepunkte des Abenteuerfilms in Farbe. Mit kräftigen Fanfaren, die den höfischen Prunk und das Flattern der Turnierfahnen vor Augen führen, modern abgeschmeckten Pavanen und ein paar emotionalen Gravitationszentren, etwa der Passacaglia auf Falstaffs Tod entrollt sich vor uns ein prachtvoller Bilderbogen. Dass hier und da "geborgt", einmal sogar eine ganze Episode aus Canteloubes "Chants d`Auvergne" abgeschrieben wird, tut dem keinen Abbruch, sondern erhöht den Wiedererkennungswert im Kino. Mit seinen Scores hat Walton alles in allem eine auch über den Kinomoment hinaus gültige Liebesheirat von vermuteten Harmonien und Rhythmen der Spätrenaissance mit den Anforderungen des Films und den Gewohnheiten von Hörern des 20. Jahrhunderts arrangiert. In dieser Aufnahme steht er nicht nur selbst am Pult, in den abschließenden Szenen aus "Henry V." ist auch Laurence Olivier selbst mit seinem noblen, kernigen Timbre zu hören.

20. — 26. August 2016

Tōru Takemitsus Kompositionen kennt hierzulande kaum jemand, dabei sind die Werke des japanischen Komponisten so ansprechend wie faszinierend in ihrem Wechsel von Vertrautem und Fremdem, von Verinnerlichung und mal avantgardistisch, mal impressionistisch anmutenden Klangeffekten. Seiji Ozawa und das Saito Kinen Orchestra haben 1997 eine ganze CD dem vielschichtigen Oeuvre Takemitsus gewidmet: von „Family Tree“, einer Sammlung vertonter Verse, über „My Way Of Life“ bis hin zu seinem Requiem für Streichorchester, mit dem er 1957 in Japan den Durchbruch schaffte. Dieses Requiem war als Totenmesse für ihn selbst geplant, fürchtete doch der schlimm an Tuberkulose erkrankte Komponist damals um sein Leben (doch glücklicherweise überwand er die Krankheit und startete als Komponist erst richtig durch). Die drei groß angelegten Teile des Requiems vermitteln nicht nur Leid und Schmerz, sondern vor allem auch viel Hoffnung und Friede, verstärkt durch bewusste, wohltuende Momente der Stille und einen Rhythmus, den Takemitsu selbst als „one by one rhythm“ bezeichnete: Jedem Klang die Zeit, die er braucht. Entschleunigung als Kompositionsprinzip. Sehr wohltuend, wenn man sich darauf einlassen kann.

13. — 19. August 2016

Es gleicht einer Revolution von unten, dass sich das Violoncello im Verlauf des 18. Jahrhunderts aus seiner Rolle als Basso continuo-Instrument befreien kann und von Komponisten für solistische Rollen in den Blick genommen wird. Und vielleicht ist es nicht mal unseriös, eine Verbindung zwischen den politischen Ereignissen der Französischen Revolution und der Überwindung des "Ständestaats" im Generalbass-Satz hin zum republikanisch-gleichberechtigten Streichquartettsatz zu sehen. Dennoch war es mit Friedrich Wilhel II. ein - wenn auch bürgerlichen Bequemlichkeiten zugetaner - Monarch, der mit seinem eigenen Cellospiel, mehr aber noch mit der Anstellung der Brüder Jean-Pierre und Jean-Louis Duport den Anstoß für Kompositionen gab. So gestand etwa Joseph Haydn in den "Preußischen Quartetten" dem Cello eine Sonderrolle zu, und Beethoven komponierte Duport Cellosonaten auf den Leib. Auch der Virtuose Carlo Graziani kam in Potsdam kurz vor seinem Tod noch zu cellistischen Ehren. Wozu all die Verflechtungen und Querverbindungen? Nun, das Spiel des jungen Cellisten Edgar Moreau auf seinem 2015 erschienenen Debüt-Album verfügt über aristokratische Anmut, mehr aber noch über eine atemberaubende revolutionäre Sprengkraft. Allen, die beim Cover des x-ten jungen Solisten "im Sprung" oder dem etwas bemühten Synthesewort "Giovincello" abwinken, sei empfohlen, das beiseite zu schieben und nur einmal das Boccherini-Konzert mit Moreau zu hören. Hier balanciert jemand virtuos auf Messers Schneide und findet auch in vorwärts preschendem Tempo noch Mini-Zeitinseln im Auslaufen einer eleganten Verzierung. Wie gut, dass Moreau für diesen Parcour auf Il Pomo d´Oro unter Riccardo Minasi gesetzt hat, das macht dieses Cello-Glück vom Vorabend der Revolution perfekt - und zu einem Sturm auf die Bastille behäbiger Konventionen.

06. — 12. August 2016

Viele zieht es derzeit in die Berge. Wegen der fantastischen Panorama-Ausblicke und guter Wiesenluft, oder wegen des Kaiserschmarrns auf der Alm, für den ein wenig Schwitzen beim steilen Aufstieg ein gerechter Preis erscheint. Richard Strauss, als Wahl-Garmisch-Partenkirchener bestens mit den Bergen vertraut, hat diesen das wohl schönste musikalische Denkmal hinterlassen: seine „Alpensinfonie“. In ihr geht es allerdings nicht um solch profanen Dinge wie die angemessene Verpflegung des Alpinisten oder die sehr irdischen Anstrengungen, bis man den Gipfel erreicht hat. Dabei sollte die „Alpensinfonie“ ursprünglich von einem Menschen aus Fleisch und Blut handeln, dem Schweizer Maler und passionierten Bergsteiger Karl Stauffer. Später aber ließ Strauss diese Idee, nach umfangreicher Nietzsche-Lektüre, für einen eher philosophisch-generell gehaltenen Ansatz fallen. Fortan sollte das Werk „der sittlichen Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der weiten herrlichen Natur“ gewidmet sein und diese verherrlichen.
Vor allem letztes wird in der einsätzigen, opulent instrumentierten „Alpensinfonie“ evident, die die Pracht, aber auch die Gewalt der Berge musikalisch nachzeichnet. Sie folgt dabei der Dramaturgie einer Bergbesteigung: Nach einem munteren Aufstieg, musikalisch durch ein prägnantes Marsch-Motiv gekennzeichnet, führt der Weg über Blumenwiesen, durch dunkle Wälder und vorbei an einem Wasserfall. Nach einigen Irrwegen landet der Wanderer schließlich auf dem Gipfel, doch auf dem Abstieg spielt das Wetter nicht mehr mit: Verdunkelung der Sonne, eine bedrohliche Stille – dann das Gewitter. Es ist die Hommage an eine archaische Naturwelt, in der Triumph und Katastrophe eng beieinanderliegen.

30. Juli — 05. August 2016

Am 15. Juli 1789, einen Tag nach dem Sturm auf die Bastille, starb vergessen - und ohne ein Instrument mehr zu besitzen - der große Cembalist Jacques Duphly in seiner Wohnung im Hôtel de Juigné in Paris. Duphly, der sich nach Veröffentlichung von vier begeistert aufgenommenen Büchern mit Pièces de clavecin um 1770 plötzlich aus der Öffentlichkeit zurückzog, hatte seine Karriere als Organist begonnen, sich aber nach seinem Umzug nach Paris ganz aufs Cembalo verlegt. Sein Spiel machte ihn bei den Zeitgenossen berühmt; Louis-Claude Daquin attestierte ihm "Leichtigkeit des Anschlags und eine gewisse Sanftmut" im Spiel, während Jean-Jacques Rousseau Duphly um Artikel zum Cembalospiel für sein "Dictionnaire". In seinen Klavierstücken zeigt sich Duphly als Kind zweier Welten: Sein reich verzierter Stil huldigt sowohl noch der Musiktradition des Ancièn regime, nimmt in seiner Leichtigkeit und Melodienfreude aber auch die Ideale der Klassik auf. Um diesen Reichtum heute zum Leben zu erwecken, braucht es einen Meistercembalisten wie Christophe Rousset, der musikalisch zwischen Gustav Leonhardt und William Christie voll in der Renaissance der französischen Cembalomusik aufgewachsen ist. Das zeigt sich schon beim eröffnenden Charakterstück "La Fourqueray", das die melancholischen, tiefgründelnden Register der Bassgambe seines berühmten Namensgebers auf die unteren Tasten überträgt und als eine Passacaille bedächtig knirschend in Rotation versetzt. Bei Christophe Rousset beginnen dann auch die Cembalosaiten zu schwingen, als wären sie mit Nachdruck gestrichen worden.

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CD zum Sonntag:

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