Startseite · CD zum Sonntag

25. Juni — 01. Juli 2016

„Hora cero“ – Stunde Null – heißt das neue Album der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, nach Piazzollas berühmtem Tango „Buenos Aires Hora Cero“. Auf dieser CD spielen sich die Cellisten mit leidenschaftlichem Feuer und atemberaubender Technik durch 16 Tango-Bearbeitungen und zeichnen mit diesen ein Gefühls-Panorama Argentiniens musikalisch nach. Die meisten der kunstvollen Arrangements stammen vom Cellist David Riniker, denn Originaltangos für diese ausgefallene Besetzung gibt es natürlich kaum. Was schade ist, wie diese glühende Tango-Hommage der 12 Cellisten nun beweist. Denn der samtige, dichte Klang des tief timbrierten Ensembles, der sich immer wieder in unterschiedlichste Register aufsplittet, der Melancholie und Feinsinn genauso kennt wie ruppige und dreckige Percussioneffekte: Er scheint für den Tango geradezu prädestiniert zu sein. Im Mittelpunkt steht – natürlich! – Astor Piazzolla mit seinen zeitlos schönen Kompositionen wie „Libertango“ oder „Soledad“. Doch daneben kann man auch unbekanntere Tango-Meister wie Horacio Salgán, José Carli oder Pasquale di Stefano kennen lernen. Die Platte wurde übrigens im kalt-grauen Januar in Berlin-Lichterfelde aufgenommen. Doch sie ist der perfekte Soundtrack für laue, ein wenig melancholische Sommernächte nach hitzedurchglühten Tagen. Und die gibt’s nicht nur in Buenos Aires.

18. — 24. Juni 2016

Ein starker Zauber wird seit den Tagen mythischer Naturdeutung den Wendepunkten des Sonnenstandes im Jahresverlauf zugesprochen, so auch der Mittsommernacht, der längsten Nacht des Jahres. William Shakespeare ließ in seinem "Sommernachtstraum" in dieser Nacht die Interessen von unglücklich verliebten Athenern, groben Handwerkern und Naturgeistern aufeinanderprallen und sich durchkreuzen, so dass bis zum glücklichen Ende eigentlich keiner mehr ein noch aus weiß. Der gerade erst 17jährige Felix Mendelssohn Bartholdy wirft nach der Lektüre des Theaterstücks in einem Geniestreich seine berühmte Ouvertüre aufs Papier, die das Geschehen - einschließlich der Eselsschreie des verzauberten Hanswurst Zettel - in einen nachtmagischen Wirbel aus tuschelnden Streichern, auftrumpfenden Märschen und dem Stampfen des Bergamasker Tanzes der Handwerker. Erst sechzehn Jahre später erhielt Mendelssohn, inzwischen Gewandhauskapellmeister, vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. den Auftrag, die Bühnenmusik für die Aufführung im Schlosstheater des Neuen Palais in Potsdam zu vervollständigen, dabei entstand unter anderem auch der weltberühmte Hochzeitsmarsch. Mendelssohns Nachfolger in Leipzig, der scheidende Riccardo Chailly, hat in seiner Zeit beim Orchester ein Herz für die deutsche Romantik bewiesen. Für das hier empfohlene Album hat er den "Sommernachtstraum" feurig abgeschmeckt mit der Ouvertüre zu "Ruy Blas" und den zwei jugendlich-stürmischen ersten Klavierkonzerten. Und auch die Bühnenmusik selbst funkelt in schöner Mischung aus Verve, Spontaneität und Lust auf Risiko: Manche gewohnte Melodielinie scheint unter Chailly fast vom wuchernden Unterholz der Nebenstimmen verschlungen zu werden, aus dem Dickicht glühen Oboentöne, und das I-A des Esels wurde wohl noch nie so rauh und prominent in den Vordergrund gezogen. Ein Album, das Mendelssohn nicht als den temperierten Klassiker der Romantiker sieht, sondern sein Ungestüm feiert.

11. — 17. Juni 2016

Es kühlt und belebt, es strömt, tobt oder steht still, es ist Urgewalt und Seelenbalsam: das Wasser, Grundstoff allen Lebens. Wie magisch zieht es die Menschen in seine Nähe, an die Seen, Meere, Ozeane. Kein Wunder, dass es auch in der Musikgeschichte Widerhall gefunden hat. Und doch muss man erst mal darauf kommen, den musikalischen Spuren des Wassers zu folgen. Hélène Grimaud hat dies auf ihrem Album „Water“ mit dem ihr eigenen Entdeckergeist getan. Die französische Pianistin erweckt in ihrem Spiel die Facetten des Wassers in sieben sehr unterschiedlichen Komposition zu klingendem Leben, und das quer über den Globus – von Ravel, Debussy und Liszt bis Albeníz und Takemitsu. Damit die Stücke nicht allzu einsam nebeneinanderstehen, hat Nitin Sawhney sieben atmosphärische „Water Transitions“ dazu komponiert, die diesem Konzept-Album seinen großen musikalischen Bogen geben. Die Aufnahme entstand im Übrigen konsequenterweise inmitten von Wasser: Bei einer Konzert-Installation in New-York, die Grimaud gemeinsam mit dem schottischen Künstler Douglas Gordon konzipierte. Eingeschlossen von einer endlosen Wasserfläche und in fast vollkommener Dunkelheit spielte Grimaud das Album ein. Sieht man nicht, hört man aber!

04. — 10. Juni 2016

"Giardino del piacere", einen Lustgarten, hat Johann Friedrich Meister seine Sammlung von Triosonaten genannt. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich eine Anlehnung an Johann Adam Reinckens zehn Jahre älteren "Hortus musicus", aber tatsächlich lässt es sich in diesen Trios trefflich lustwandeln. Einer eröffnenden Sonate, die bei ihrer noch frühbarock gestutzten Anlage an den formalen Gartenteil am Haus erinnert, schließt sich stets eine Sammlung von - für diese Zeit schon überraschend profilierten, originellen - Suitensätzen an, in deren französischen Tänzen man sich gerne ein bißchen verliert. Dies vor allem, da Johannes Pramsohler und sein Ensemble Diderot allen Szenerien und Charakteren, trotz ihrer raschen Bilderfolge, stets mit herzlicher Hingabe, straffen Tempi und einer Atmosphäre freundschaftlich-wetteifernden Wechselspiels begegnen. Vielleicht hat ja auch die Atmosphäre des Neuen Gartens in Potsdam, in dessen Palmensaal das Album aufgenommen wurde, einen Beitrag zu heiterer Seelenöffnung geleistet. Immerhin hatten die Musiker einen großen Schatten neben sich sitzen: Sechs der zwölf Sonaten waren das letzte Aufnahmeprojekt von Reinhard Goebel und seiner Musica Antiqua Köln, und Pramsohler und Co komplettieren nun fünf Jahre später das Dutzend mit dem Pendant der übrigen Trios, begleitet mit freundlichem, aber für seine Verhältnisse ungewohnt knappem und wenig konkretem Vorwort des Altmeisters. Der Vergleich drängt sich auf, und zuweilen fühlt man sich in Pramsohlers druckvollem, energisch-federndem Spiel tatsächlich an Goebel erinnert, doch gönnt er sich einen heutigeren, üppiger blühenden Violinton. Beide Aufnahmen gemeinsam sind jedenfalls ein Repertoiretrüffel, der das Zeug dazu hat, häufiger im CD-Player zu liegen als im Regal.

28. Mai — 03. Juni 2016

Das Paradies hat in Mahlers Vierten, der letzten seiner „Wunderhorn“-Sinfonien, ganz schön an Attraktivität eingebüßt. Da singt die Sopranistin, eigentlich aber ein Kind, wie das unschuldige Lämmchen und der Ochse zur Schlachtbank geführt werden – und die Musik peitscht unheilverkündend die Liedstrophen auf. Mahlers Vierte ist ein Weltendrama, das an Doppelbödigkeit wohl nicht zu überbieten ist und doch mit seinen vier überschaubaren Sätzen erst mal den Anschein von Konventionalität erweckt. Aber das Schellengebimmel und die vordergründige Kinderlieder-Heiterkeit im Kopfsatz sind allzu naiv, als dass man ihnen vertrauen könnte. David Zinman gibt mit dem Tonhalleorchester Zürich diesen Zwischentönen, dem Vieldeutigen und Grotesken Raum und macht dabei doch auch auf eine wunderbar homogene Art großartige, klangsatte und berührende Musik.

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CD zum Sonntag:

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