Startseite · CD zum Sonntag

25. Februar — 03. März 2017

Wann, wenn nicht jetzt, sollte man Schumanns herrlichen „Faschingsschwank aus Wien“ op. 26 mal wieder hören? Ein Kritiker der AMZ lobte 1842 an dem Klavierzyklus begeistert: „An allen Enden humoristisches Wetterleuchten; von allen Seiten fahren die Raketen des Witzes und lustigen Uebermuths in die Höhe, umzischen uns die Sprühteufel schalkischen Spottes.“ Diese pianistischen Kleinformen Schumanns, auf dieser angenehm unprätentiösen Aufnahme von Hinrich Alpers mit den „Kinderszenen“ und der ersten Klaviersonate gekoppelt, sind so pur wie schön. Der „Faschingsschwank“ gehörte zu Schumanns künstlerischer Ausbeute aus dem wenig glücklichen halben Jahr, das er in Wien verbrachte in der vergeblichen Hoffnung, in dieser Kulturmetropole als Komponist durchstarten zu können. Stattdessen kehrte er bald zurück nach Leipzig und beendete den „Schwank“ hier. Das Faschings-Thema hatte den Komponisten auch schon in seiner „Carnaval“-Suite und in seinen „Nachtstücken“ beschäftigt. Doch wer bei einem solchen Thema nur an heitere Ausgelassenheit und pianistische Tastenakrobatik denkt, liegt falsch: Zwar kommt der Unterhaltungsaspekt mit einem lustig-behäbigen „Großvatertanz“ sowie einem Zitat aus der französischen Marseilleise sicherlich nicht zu kurz. Die Romanze aber, im Zentrum des Zyklus, stimmt nachdenkliche Töne an, ebenso wie später die Kinderstücke auch traurige und melancholische Seiten zeigen. Die konträren Facetten des Lebens, wie sie hier gespiegelt werden, kollidieren nur selten so offensichtlich wie im Fasching: das Kindliche und das Greise, Diesseitigkeit und Todesahnung, Freude und Trübsal. Schließlich feiert man die „närrischen Tage“ ja, zumindest ihrem Ursprung nach, schon mit dem Bewusstsein um den Aschermittwoch und die eigene Vergänglichkeit.

18. — 24. Februar 2017

Kein Grund zur Traurigkeit: Eigentlich läuft für Antonín Dvořák in den 1880er Jahren alles rund. Man verleiht ihm ein staatliches Stipendium, er schließt Bekanntschaft mit Johannes Brahms und seinem Verleger Fritz Simrock, und Konzertreisen in alle Welt bescheren ihm den internationalen Durchbruch als Komponist. Zurückgekehrt nach Prag, am Abend, als ihm die Karlsuniversität die Ehrendoktorwürde verleiht, führt er mit zwei befreundeten Musikern sein Klaviertrio op. 90 auf. Doch was ist das? Der Tonfall ist durchdrungen von tiefer slawischer Melancholie, nur in gelegentlichen Abschnitten von böhmisch-musikantischem Schwung kontrastiert. Verantwortlich für dieses Wechselbad ist die zweiteilige Dumka, die Dvořák allen sechs Sätzen zugrunde legte und sich damit zugleich alle Fesseln klassischer Viersätzigkeit vom Genick schüttelte. Im „Dumky“-Klaviertrio zeigt sich Dvořák als Meister seines Fachs, dessen atemberaubendem melodischen Erfindungsgeist sich die Regeln der Komposition gerne zu beugen scheinen. Das Trio Wanderer, ebenfalls seit langem im Spitzenfeld seines Faches angesiedelt, hat sich zum 30. Geburtstag eine Aufnahme der Dvořák-Klaviertrios op. 90 und 65 geschenkt und veredelt die emotionalen Gewitterstürme des Böhmen mit französischer Noblesse. Und auch für den Hörer dieses Albums ist das – ein Fest.

11. — 17. Februar 2017

Mit zartem Pinselstrich hingetupfte Frauen in weißen Gewändern, die sich den schönen Künsten widmen – natürlich auf einer Blumenwiese und bei warmem Sonnenschein: Das CD-Cover zu dieser Kammermusik-Kompilation von Philippe Gaubert spielt mit den gängigen Klischees über Impressionismus. Doch wenn das mal passt, dann in diesem Fall. Denn Gauberts Kammermusikwerke, mit und ohne Flöte, sind deutlich und aufs Schönste beeinflusst von Ravel, Franck und Debussy. Sie perlen und strömen vor sich hin, dass es eine wahre (Hör-)Freude ist. Der französische Weltklasse-Flötist und -Dirigent (u.a. war Gaubert mehrere Jahre lang Chefdirigent der Pariser Opéra!) ist heute leider so gut wie vergessen. Seine auf dieser CD versammelten Werke aber verraten einen begnadeten Komponisten, der die spätromantischen Ausdruckswelten gekonnt mit impressionistischen Techniken verschränkte – und das im 20. Jahrhundert. So entwarf er mit seinen seelenvollen und klangprächtigen Stücken auch eine positive Gegenwelt zur Wirklichkeit der Weltkriegszeiten. Seine „Trois Aquarelles“ etwa, die den Anfang auf dieser CD des Trio Wiek machen, entstanden 1921 im Schützengraben, während Gauberts Kriegsdienst. Diese „Aquarelle“ aber verraten davon nichts, sie verlieren sich stattdessen in den schönsten Farben der Kunst. Wenn Musik zum Wunschtraum wird, ist auch dies ein Epochen-Dokument, das zu denken gibt.

04. — 10. Februar 2017

Wunderschönes Weltenende: Nachdem sich der bisherige Weltpolizist ermüdet von Kriegen in Nahost aus dieser Rolle zurückzieht, bleibt das Amt des obersten Sicherheitschefs wohl wieder wie einst an Erzengel Michael hängen, der gottlob mit seinen Heerscharen unablässig in Bereitschaft steht, die Menschheit gegen die Angriffe Luzifers und seiner Scharen zu verteidigen. So erzählen das Psalm 34:7, und darauf aufbauend auch die Kantate BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“, die Johann Sebastian Bach zum Michaelsfest 1726 komponierte. Es bleibt nicht beim Säbelrasseln, auch musikalisch werden einige Kräfte ins Feld geführt, etwa zwei Oboen, eine Oboe da caccia, Streicher, vor allem aber drei Trompeten, die für die Sphäre des Himmelsstreits schon Bachs entfernter Oheim Johann Christoph herbeizitierte (dessen Kantate Johann Sebastian sehr schätzte und in Leipzig ebenfalls aufführte). Von Angst vor der „Apocalypse“ – so der reißerische Titel des Albums – ist im Eröffnungschor allerdings nichts zu hören, Bachs Gottvertrauen türmt das Schlachtengemälde zu einem wunderschönen, polyphonen Meisterwerk sich gegenseitig emporhebender Chorpartien auf. Und es bleibt kein Zweifel, dass „die rasende Schlange, der höllische Drache“ keine Chance hat. Eher zufällig stolperten wir über diese mustergültige Aufnahme, die Altmeister Sigiswald Kuijken mal nicht am Pult seiner La Petite Bande, sondern des jungen Ensembles Trondheim Barokk, respektive des angeschlossenen, in perfektem Deutsch intonierenden Chors Vox Nidrosiensis hören lässt. „Altmeister“ klingt indes völlig irreführend nach abgeklärter Distanz, denn Kuijken gehört zu jenen Dirigenten, die mit den Jahren stringenter, farbiger, tänzerischer und dabei zugleich lichter im angestrebten Klangbild geworden sind. Das kommt den hier aufgeführten Bach-Kantaten sehr zugute. Wenn so das Weltenende klingt, dann kann es sich ruhig öfter sehen lassen.

28. Januar — 03. Februar 2017

Endlich kitzeln die ersten Sonnenstrahlen wieder das Gesicht, die Tage werden länger, nur die Temperaturen wollen noch nichts von Frühling wissen. Da darf man sich schon mal in wärmere Gefilde träumen – nach Südamerika beispielsweise! Die CD „Southamerican Getaway“ der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker ist mit ihren 17 Jahren längst ein Klassiker, aber wärmt das Herz wie eh und je. Schon allein Heitor Villa-Lobos´ legendäre „Bachianas Brasileiras“ Nr. 1 und 5 (hier mit der Sopranistin Juliane Banse) machen Lust, gleich selber in den Flieger in die Fremde zu steigen. Mit ihren wehmütigen Kantilenen des Gesangs, eingebettet in ein Celloorchesterbett, ist vor allem die 5. dieser südamerikanischen Suiten klanglich so ungewöhnlich wie faszinierend. Und auch mit einer Reihe von Bossas, Tangos und anderen Tänzen – in erstklassigen Arrangements für das Berliner 12-Kopf-Ensemble – wird hier der Pulsschlag Südamerikas musikalisch nachgebildet. Eine CD, die uns über den Februar bringen kann!

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CD zum Sonntag:

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