Startseite · CD zum Sonntag

25. — 31. März 2017

Manchmal ist ein kleiner Skandal genau das richtige Marketing-Mittel: Sicher hat sich Maurice Ravel zwar ziemlich geärgert, als er sich mit seinem Streichquartett um den renommierten Rom-Preis bewarb, der vom Pariser Conservatoire mitgetragen wurde, und – zum wiederholten Male! – abgelehnt wurde. Die Begründung: Verstöße gegen die Kompositionsnormen. Doch letztendlich lenkte der „Skandal“ reichlich Aufmerksamkeit auf Ravels erstes und einziges Quartett. Denn hitzige Debatten innerhalb des Conservatoire entbrannten, sie kosteten den Hochschulleiter schließlich sogar seinen Job. Ungewöhnlich und unkonventionell ist dieses Quartett in jedem Fall, das längst als ein Meisterwerk des französischen Impressionismus gilt. In vier Sätzen knüpfte Ravel zwar rein formal durchaus noch an die klassisch-romantische Tradition an. Doch innerhalb dieser Sätze malt die Musik delikate, fließende Farbflächen, weckt Assoziationen und kreiert Stimmungen, integriert raffiniert baskische Tanzrhythmen und spielt mit harmonischen Mehrdeutigkeiten, wie es nur im Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts so zu finden ist. Das Hagen Quartett kombiniert auf seiner CD dieses Streichquartett von Ravel mit Debussys Quartett op. 10, das für Ravels Werk eine wichtige Inspiration war, und – aus etwa der gleichen Zeit, doch in einer ganz anderen Tradition verwurzelt – Weberns Quartett von 1905.

18. — 24. März 2017

Haydn auf Französisch? Das klingt doch wie Wiener Schnitzel mit Weinbergschnecken. Weit gefehlt: Er komponierte für das Pariser Publikum maßgeschneiderte Sinfonien und schaffte es so, alle anderen zeitgenössischen Komponisten in dessen Gunst noch in den letzten Jahren des ancien régime quantitativ aus dem Konzertsaal zu fegen. Ohne je dort gewesen zu sein. Denn tatsächlich gönnte sich Weltbürger Joseph Haydn auf dem Weg nach London keinen Abstecher an die Seine. Aber man wird ja wohl noch fantasieren dürfen. Zum Beispiel mit dem neuen Album von Viviane Chassot, die seine drei originären Klavierkonzerte mustergültig auf ihr Instrument übertragen hat, das Akkordeon. 2009 hat sie das mit späten Klaviersonaten Haydns schon einmal getan. Und dass sie es auch diesmal ernst meint, sieht man daran, dass sie das Basler Kammerorchester dafür gewinnen konnte, sie mit zeitgemäß-historisierender Schlankheit zu begleiten. Während sie die pianistischen Klippen dank Fingerfertigkeit spielend meistert, schenkt sie diesen beliebten Werken aber auch etwas – den langen Atem ihres Instruments. Denn die Schwierigkeit des Klaviers, dass der Ton unbeeinflussbar verklingt, sobald er angeschlagen ist, kennt die „Quetschkommode“ nicht. Daher kann man mit ihr herrlich singen. Für den modernen Hörer fügt sich hier mit dem Akkordeon noch etwas anderes zu Haydns klassischer Tonsprache hinzu: Jene melancholische Süße seiner Klangfarbe, der fast schon klischeehaft mit französischem savoir-vivre verknüpft ist. Und genau dieser kleine Störeffekt in den an sich recht bekannten Werken, dieser wohlige Anachronismus, ist das i-Tüpfelchen auf diesem neuen Album. Lust auf ein Wochenende mit Haydn an der Seine?

11. — 17. März 2017

„La grassa, la dotta, la rossa“ („Die Fette, die Gelehrte, die Rote“) wird Bologna gern genannt – wegen ihrer hervorragenden, kalorienreichen Küche, ihrer renommierten, alten Universität und ihrer politisch traditionell linken Ausrichtung. Einen vierten Beinamen hätte sie sich aber auch noch verdient: „la musicale“, schließlich war Bologna, Hauptstadt der norditalienischen Emilia-Romagna, schon in der Barockzeit ein, wenn nicht der wichtigste Treffpunkt Italiens für erstklassige Musiker und Komponisten. 1666 wurde hier die Accademia Filarmonica di Bologna gegründet, eine der ersten einflussreichen Musik-Akademien Italiens. Ihre berühmten (Giuseppe Torelli, Arcangelo Corelli) und weniger berühmten Mitglieder (wie Alberti, Zavateri oder Laurenti) werden mit diversen Violinkonzerten und Streicher-Sinfonien auf dieser Einspielung von Barock-Geigerin Julia Schröder und dem Kammerorchester Basel vorgestellt. Und wie hier die Affekte hin und her springen zwischen froher Ausgelassenheit, trauriger Melancholie und lyrischem Instrumentalgesang bildet die ganze erstaunliche Bandbreite des Komponierens im 17. Jahrhundert ab. Eine Zeitreise ins Bologna der Vergangenheit, die auch Lust macht auf eine Reise ins Bologna der Gegenwart.

04. — 10. März 2017

Ein Mann von echtem Schrot und Ton: Vom Schotten Tobias Hume, der 1645 in London starb, wurde erzählt, er konnte den Gambenbogen ebenso sicher führen wie den Säbel. Denn Captain Hume diente im Dreißigjährigen Krieg mal in der Russischen, mal der Schwedischen Armee und war zugleich einer der angesehensten Gambisten seiner Zeit. In den zwei Sammelbänden, die er veröffentlichte, stehen daher auch einfallsreiche Gambenstücke und Lieder im Mittelpunkt, ja er soll sich mit seinem ebenfalls herausragenden Musikerkollegen John Dowland einen langen Streit dazu geliefert haben, welches Instrument sich besser zur Begleitung des Gesangs eigne. Sein etwas eigenwilliger Humor drückt sich nicht nur in den Titeln seiner Kompositionen aus, wo er den „Tobacco“ feiert oder „A Soldiers Resolution“, sondern auch in außergewöhnlichen Spieltechniken, etwa einer „Invention“, die von zwei Musikern zugleich auf derselben Gambe musiziert werden muss, oder der Anweisung „drum this with the backe of your bow“ im Stück „Harke, Harke“ – dem wohl ersten schriftlich fixierten Einsatz der col legno-Spielweise der Musikgeschichte. „Harke, Harke“ hat auch der Hommage den Namen gegeben, die Cellist Bruno Cocset und seine Mitstreiter von „Les Basses Réunies“ für Tobias Hume 2014 aufnahmen. Als Stargast luden sie sich dazu Guido Balestracci an der Lyra viol ein, einer kleinen, spieltechnisch ungemein vielseitigen Bassgambe. Und sie lassen gehörig die Seiten krachen, denn das abwechslungsreich besetzte und eingesetzte Continuo ist Programm des Ensembles. Kein blässliches Consort-Gesäusel herrscht hier vor, und so macht das Album seinem raubeinigen Komponisten alle Ehre. Zwischen den kraftvollen Tänzen und melancholisch suchender Chromatik meint man Captain Hume hier fast auch mal deftig fluchen und lachen hören zu können.

25. Februar — 03. März 2017

Wann, wenn nicht jetzt, sollte man Schumanns herrlichen „Faschingsschwank aus Wien“ op. 26 mal wieder hören? Ein Kritiker der AMZ lobte 1842 an dem Klavierzyklus begeistert: „An allen Enden humoristisches Wetterleuchten; von allen Seiten fahren die Raketen des Witzes und lustigen Uebermuths in die Höhe, umzischen uns die Sprühteufel schalkischen Spottes.“ Diese pianistischen Kleinformen Schumanns, auf dieser angenehm unprätentiösen Aufnahme von Hinrich Alpers mit den „Kinderszenen“ und der ersten Klaviersonate gekoppelt, sind so pur wie schön. Der „Faschingsschwank“ gehörte zu Schumanns künstlerischer Ausbeute aus dem wenig glücklichen halben Jahr, das er in Wien verbrachte in der vergeblichen Hoffnung, in dieser Kulturmetropole als Komponist durchstarten zu können. Stattdessen kehrte er bald zurück nach Leipzig und beendete den „Schwank“ hier. Das Faschings-Thema hatte den Komponisten auch schon in seiner „Carnaval“-Suite und in seinen „Nachtstücken“ beschäftigt. Doch wer bei einem solchen Thema nur an heitere Ausgelassenheit und pianistische Tastenakrobatik denkt, liegt falsch: Zwar kommt der Unterhaltungsaspekt mit einem lustig-behäbigen „Großvatertanz“ sowie einem Zitat aus der französischen Marseilleise sicherlich nicht zu kurz. Die Romanze aber, im Zentrum des Zyklus, stimmt nachdenkliche Töne an, ebenso wie später die Kinderstücke auch traurige und melancholische Seiten zeigen. Die konträren Facetten des Lebens, wie sie hier gespiegelt werden, kollidieren nur selten so offensichtlich wie im Fasching: das Kindliche und das Greise, Diesseitigkeit und Todesahnung, Freude und Trübsal. Schließlich feiert man die „närrischen Tage“ ja, zumindest ihrem Ursprung nach, schon mit dem Bewusstsein um den Aschermittwoch und die eigene Vergänglichkeit.

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CD zum Sonntag:

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