Johann Sebastian Bach

Motetten BWV 225-230

Kammerchor Stuttgart, Barockorchester Stuttgart, Frieder Bernius

Sony SK 45 859
(1989) DDD



Bach hatte keine hohe Meinung von der bereits als veraltet geltenden Motetten-Produktion und -Praxis seiner Zeit, nannte er die "Motetten Singer" doch geringschätzig solche, "so sich noch erstlich mehr perfectioniren müßen". Als ob er noch einmal ein krönendes Gegenbeispiel kurz vor dem Verblühen der Gattung statuieren wollte, benötigen seine eigenen Exemplare - allesamt Auftragswerke für Begräbnis- oder Gedächtnisgottesdienste - die besten Kräfte.
Trotz ihrer Antiquiertheit waren die Motetten die ersten Werke Bachs, die nach seinem Tod gedruckt wurden. Mozart begeisterte sich 1789 bei seinem Leipzig-Besuch für sie, und fünf Jahre später avancierten sie zum Standardrepertoire der Berliner Singakademie, dieser Brutstätte des bürgerlichen Gesangvereins und Chorwesens. Heute sind sie ein Muss für jeden Profi- und ein Prüfstein für jeden anspruchsvollen Laienchor.
Welche Kunstfertigkeit in kontrapunktisch-technischer Hinsicht und welche geistlich-emotionale Tiefe sich in den Werken verbirgt, das demonstriert der RIAS-Kammerchor unter der Leitung von René Jacobs auf rundum bestechende Art. Ihnen glückt eine optimale Vermittlung zwischen den asketisch ausgerichteten "Authentizitäts"-Jüngern, die die meist doppelchörigen Werke solistisch besetzen - so etwa der Cantus Cölln unter Konrad Junghänel (DHM/BMG) und dem üppigen, vibratoreichen Wohlklang etwa des Eric-Ericson-Kammerchors (EMI).
In der Qualität der Artikulation, plastischen Textausdeutung und geschmeidigen Stimmführung kann mit der RIAS-Aufnahme allenfalls Frieder Bernius’ Einspielung konkurrieren. Während Jacobs sicherlich die Virtuositäts-Krone erhält, verdienen sich Bernius’ Kammersänger mit organisch atmendem Gestalten viel Lob. Vor allem die berühmteste Motette, "Jesu, meine Freude", gerät beiden Ensembles zu einer tiefen Passionsmusik en miniature. Jacobs sorgt nicht zuletzt mit variabler Tempogestaltung und höchst differenzierten "Registerwechseln" zwischen Soli, Tutti, kleinerem und größerem Chor für die kurzweiligste, farbenfroheste Einspielung.

Christoph Braun




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