Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 1: Kunst der Fuge

Robert Hill

Hänssler/Naxos 92.134
2 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 1: Cellosuiten

Boris Pergamenschikow

Hänssler/Naxos 92.120
2 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 1: Violinsonaten und -partiten

Dmitri Sitkowetzky, Robert Hill

Hänssler/Naxos 92.119
2 CDs, f

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 1: Orgelwerke

Kay Johannsen, Martin Lücker

Hänssler/Naxos 92.099,

BACH - was für vier Buchstaben, und was hat die Musikwelt nicht schon aus ihnen gemacht! Die verstaubte Perücke, der verkünstelte Manierist, der Patriot als Begründer der deutschen Musik, das historische Postulat, der Thomaskantor als Spielmann Gottes - aus der Geringschätzung oder ideologischen Vereinnahmung ist längst das Staunen über das, wie sich Helmuth Rilling, der umtriebigste Bach-Exeget unserer Tage, jüngst in der FAZ ausdrückte, “Rückgrat, das ‚gute Gewissen’ unserer Musikgeschichte” geworden.
Ob er der “bedeutendste Komponist” ist, wer wollte es sinnvoll wider- oder belegen? Der bekannteste allemal. Vielleicht erklärt dies jene “gute Hausfrau” am besten, die der große Musikhistoriker Jacques Handschin sagen lässt: “Ihr sei, wenn sie Bach höre, zumute, als wenn sie in ihren Schubladen Ordnung macht.” Bei soviel postmoderner Unübersichtlichkeit hilft also nur noch Bach. Wir aber wollen es belassen bei Johannes Brahms’ Kommentar zur Chaconne der d-Moll-Partita für Solovioline und nehmen diesen als pars pro toto: “Auf ein [Noten]System, für ein kleines Instrument schreibt der Mann eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen.”
Müßig jedenfalls ist es, schon jetzt (noch mehr) Elogen anzustimmen - sie werden verblassen vor den Hymnen, die im nächsten, dem 250. Todesjahr des JSB, auf uns herabbrausen werden. Und so wird, wenn vielleicht auch nicht das Universum, das aus seiner Feder tönt, so doch zumindest die Phonoindustrie in seiner ewigen Schuld stehen. Schon seiner Lebensdaten wegen. Gedachte sie 1985 mit dem Mammutprojekt der Gesamteinspielung der zweihundert überlieferten geistlichen Kantaten seines 300. Geburtstages, so wird sie - darauf aufbauend - am magischsten aller Bach-Gedenken das Nonplusultra einer CD-Edition vollbracht haben: Am 28. Juli 2000 soll die “Edition Bachakademie” vorliegen, die “erste Gesamteinspielung aller Werke Johann Sebastian Bachs auf insgesamt 160 CDs”!
Der Bach-Neuling unter den Käufern wird eineinhalb Meter Regal bereitstellen müssen. Aber auch der Bach-Liebhaber, der die oratorischen, orchestralen und Klavier-Großtaten längst im Schrank stehen hat, sollte Platz schaffen. Nicht nur, weil Hänssler Classics mehr als die Hälfte aller Aufnahmen neu einspielt, sondern weil auch der Kenner unter den mittlerweise 1.126 (!) Nummern des Bach-Werke-Verzeichnisses noch unbekannte Titel finden wird, besonders im frühen Klavierwerk und unter den Liedern und Choralsätzen - etwa die 1985 aufgetauchten 31 Choralbearbeitungen vermutlich aus Bachs Arnstädter Zeit oder die auf der letzten Seite seines Handexemplars der “Goldberg-Variationen” notierten vierzehn Kanons über die ersten acht Fundamentalnoten der Aria dieser Variationen.
Die Edition Bachakademie erscheint in zwölf Lieferungen und hat Bachs gigantisches Werk benutzerfreundlich untergliedert und in farblich übersichtlich gestalteten Werkbereichen mit CD-Markierungen zugänglich gemacht. Für Helmuth Rilling, den künstlerischen Leiter der Edition, wird sie wohl das Lebensprojekt schlechthin sein. Als Gründer und Chef der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart steuert Rilling selbst die Kantaten sowie oratorischen Werke bei, als Leiter der Internationalen Bachakademie wählt er die Hundertschaft an “Mitarbeitern” aus, die sich mit seiner Stuttgarter Akademie verbunden fühlen.
Das Editionskonzept ist “undogmatisch” zwischen historischer und moderner Aufführungspraxis angesiedelt. In puncto “Authentizität” bewegt es sich auf dem neuesten Wissensstand und beherzigt besonders Erkenntnisse über Bachs Artikulation, Phrasierung und Rhetorik. Doch es solle - schreibt Rilling im üppigen Einführungsheft - kein Dogma alleingültiger Bach-Exegese sein, vielmehr stehe die “persönliche, deutliche Aussage der Künstler” im Vordergrund. Dass damit eine große, allerdings spannende interpretatorische Crux aufscheint, zeigt Rilling (unfreiwillig), wenn er den idealen “Bach-Interpreten” sieht, der “keinen Raum für persönliche Eitelkeit findet - er ist hier, wie bei kaum einem anderen Komponisten, Diener der Musik."

Kantaten

Das Bach-Bild Helmuth Rillings lässt sich seit den siebziger Jahren an seiner Kantaten-Gesamteinspielung ablesen. Hier waltet eine mustergültige Synthese von ästhetischer Stringenz, geistlich-religiöser “Botschaft” sowie spiel- und gesangstechnischer Brillanz. Auch wenn Harnoncourts/Leonhardts wie auch Koopmans Kantaten-Zyklen die “Authentizität” auf ihrer Seite haben, so gelingt doch Rillings “modernem”, kammermusikalisch-solistisch besetztem Stuttgarter Bach-Collegium eine denkbar große Transparenz.
Ihr korrespondieren durchweg zügige Tempi sowie ein helles, klares Timbre und bewegliche, “engagierte” solistische Stimmen. Die tenoral glänzende, in der Artikulation vorbildliche Gächinger Kantorei (der bisweilen die Frankfurter an die Seite tritt) garantiert, dass sich jede chorische Stimme nicht nur in den Chorälen, sondern auch im dichtesten polyphonen Stimm-Gewirr mühelos verfolgen lässt. Das kann man innerhalb der ersten sieben Kantaten-CDs - zugleich die Folgen 1-7 mit den BWV-Nummern 1-22 - im fulminanten Eröffnungssatz der “Streit”-Kantate BWV 19 sowie im strahlenden Fugen-Schlusschor der bedeutenden Kantate “Ich hatte viel Bekümmernis” bestaunen.
Nicht minder eindrücklich präsentiert Rilling die schlichten, chromatisch anspruchsvollen Leidens-Darstellungen von “Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen”. Ergreifend auch die von der “felsenfesten” Choral-Trompete überstrahlte, innige Tenor-Bitte “Ihr Engel, bleibt bei mir”. Geradezu kurios hingegen für heutige Ohren mutet das hastige Totenglöckchen an, das den Hörer im getragen-wiegenden (!) Eröffnungssatz der Trauer-Kantate “Liebster Gott, wann werd ich sterben” immer wieder an sein Ende mahnt.
Auf das ganz andere Terrain eines Hochzeitsfestes und der moralischen Selbst-Betrachtung führen die weltlichen Kantaten “Weichet nur, betrübte Schatten” und “Ich bin in mir vergnügt” (Folge 62), die Rilling in den beiden letzten Jahren eingespielt hat. Wie Sibylla Rubens hier mit ihrem glockenhellen, gleichzeitig geschmeidigen Sopran die “erblühende Liebe” sowie das Ideal der uneitlen Selbstzufriedenheit besingt, das ist - pardon - einfach herzallerliebst!

Kunst der Fuge

Höchst kontrastreich zeigt sich demgegenüber das asketischste, weil jeden Ausdrucks und jeder Emotion bare Bach-Werk, die unvollendet gebliebene “Kunst der Fuge”. Robert Hill legt sie in einer wohldurchdachten, eigenen Reihenfolge der Fugen in der Version für Cembalo vor. Weniger die technische Makellosigkeit ist hier zu bestaunen, der Freiburger Experte für historische Tasteninstrumente ergeht sich nicht in metaphysischen Träumereien, sondern legt Wert auf den motorischen Impuls und garniert die Vorlagen mit Verzierungen.

Cellosuiten

Boris Pergamenschikow sind die Cellosuiten ein “Glasperlenspiel”, das ihm “die Seele wäscht, besonders wenn man sie für sich selbst spielt, am besten ohne Zuhörer”. Gottlob tat er dies (letztes Jahr) im Aufnahmestudio, und so kann der Hörer einen bewundernswert schlanken, eleganten, in jeder Faser lebendigen Suiten-Kosmos erleben, dem Pergamenschikow mit Ritardandi, Akzentuierungen und Phrasierungen eine persönliche Handschrift aufdrückt. Die ehrfurchtgebietende Last, die so oft Interpreten dieses Zyklus, vor allem in den “tief schürfenden” Arpeggien der Sarabanden drücken, ist hier sie gänzlich verflogen.

Violinsonaten und -partiten

Mehr von Bachs Autorität ist Dmitry Sitkowetskys Sonaten- und Partiten-Zyklus für Solovioline sowie seinen Sonaten für Violine und Cembalo (mit Robert Hill) anzumerken. Allerdings lastet sie nicht, sondern scheint ihn zu verpflichten: zu einer fabelhaften Präzision und denkbar sauberen Tongebung, auch in den äußerst virtuosen Passagen. Auch wenn sein vibratoarmer Ton in den Höhen mitunter trocken und spitz klingt, geht von seinem durch kurze Phrasierungen und eigenwillig harsche Arpeggien charakterisierten Spiel doch ein Reiz aus, der sich vielleicht mit dem Paradox einer asketischen Intensität ausdrücken lässt. Sitkowetsky modelliert denn auch jene von Brahms so überschwenglich gepriesene, fünfzehnminütige d-Moll-Chaconne gleichermaßen zu einem Glutofen wie zu einer Präzisionsmaschinerie.

Orgelwerke

Unter den drei Orgel-CDs (Folgen 93, 99, 100) verströmen die sechs dreistimmigen Triosonaten (BWV 525-530) in den Mittelteilen eine geradezu meditative Ruhe. Der 1961 geborene Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen breitet sie aus mit Gedackt-Pfeifen und zurückgenommenen Tempi. Innerhalb der zwischen 1708 und 1714 entstandenen “Meisterwerke der Weimarer Zeit” ragt neben der bedeutendsten der Choralpartiten, “Sei gegrüßet, Jesu Christ”, das leidenschaftliche, von wilder Chromatik durchsetzte Werkpaar von Fantasie bzw. Präludium und Fuge in g-Moll (BWV 542) sowie das mitreißend-schwungvolle D-Dur-Paar BWV 532 heraus. Dass, wie eine zeitgenössische Quelle sagt, hier “die Füße recht strampfeln” müssen, demonstriert Johannsen mit einer stupenden Leichtigkeit. Und wenn kurz zuvor die “Kalkantenglocke” erklingt, mit der ein Organist zu Bachs Zeiten dem Blasebalgtreter das Zeichen gab, mit seiner schweißtreibenden Arbeit zu beginnen, dann hat diese CD auch ihre aparte kleine Überraschung.
Herber im Ausdruck, strenger im Aufbau sind die großen Präludien und Fugen - quasi zweisätzige Orgelsinfonien - sowie die berühmte sechsstimmige Ricercare-Fuge aus dem “Musikalischen Opfer” - Werke aus den dreißiger und späten vierziger Jahren des Thomaskantors, die Martin Lücker, Kantor an St. Katharinen in Frankfurt am Main mit gravitätisch schreitendem Ernst und klaren Mixtur-Registern eingespielt hat. Ob es Zufall ist, dass auch Bachs “Schwanengesang”, der ergreifend schlichte, von tiefster Frömmigkeit geprägte Orgelchoral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” in dieser Folge 100 seinen Platz fand? Es wäre nicht die letzte runde und bedeutungsschwere Zahl dieses Editionsunternehmens.

Christoph Braun, 01.01.1999




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