Nichts gegen Katholiken. Aber wie Johannes Brahms mit seinem Deutschen Requiem die gewählte Gattung von ihren liturgischen Fesseln befreite und wie er das unter seiner Schuld leidende, nach Erlösung strebende Individuum in sein Werk einbrachte: Das konnte wirklich nur einem Protestanten so gelingen, der sich selbst und eines seiner Werke einmal als "authentisch heidnisch, aber auch authentisch menschlich" bezeichnete. Die zusammengestellten Texte aus Altem und Neuem Testament sowie aus apokryphen Bibelschriften stellen weniger den Tag des Zorns in den Mittelpunkt als die Hoffnung auf ein erfülltes Leben nach dem Tod. In jedem einzelnen Satz und im Werk insgesamt spannt sich der Bogen vom Leid zur Freude.
Meines Wissens war Bruno Walter 1954 der erste Dirigent, der Brahms' Deutsches Requiem von der drückenden Last der anfänglichen dunklen Streicherfarben und dem hier traditionsgemäß schleppenden Tempo erlöste. Leider ist seine geniale Interpretation zwar nachträglich digital aufbereitet, kaum jedoch von erheblichem Grundrauschen und mangelnder Tiefenschärfe befreit worden. Dennoch hinterlässt die Aufnahme noch heute einen starken Eindruck, zu dem maßgeblich George London und vor allem die enorm ausdrucksstarke Irmgard Seefried als Solisten beitragen.
Als bekennender Fan von Roger Norrington brächte ich es nicht fertig, die Requiem-Aufnahme dieses immer wieder hochinteressanten Dirigenten unbeachtet und unempfohlen zu lassen: Im Vergleich mit Bruno Walter ist sie die "rhetorischere" und im Detail (sprachlich, dynamisch, instrumental und klangfarblich) gewiss aufregendere Einspielung, dafür gelingt ihr der große Bogen bis hin zum erlösten "Selig sind die Toten" nicht ganz so zwingend. An den Londoner Schütz-Chor mit seiner exzellenten Balance und Artikulation reicht aber so schnell kein anderer Chor heran.

Susanne Benda




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