Igor Strawinski

Le sacre du printemps

Philharmonia Orchestra, Igor Markewitsch

Testament/Note 1 SBT 1076
(1959) Komponiert: 1911-13, Uraufführung: 1913 in Paris; ADD



Igor Strawinski

Le sacre du printemps

City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle

EMI 7 496362
(1987) Komponiert: 1911-13, Uraufführung: 1913 in Paris; DDD



Begäbe man sich auf die Suche nach dem Jahrhundertwerk der Neuen Musik, Strawinskis "Sacre" wäre ein sicherer Kandidat. Zur Entstehung äußert sich Strawinski: "Als ich die letzten Seiten des ,Feuervogels‘ niederschrieb, überkam mich eines Tages die Vision einer heidnischen Feier: Alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen. Das war das Thema von ,Le sacre du printemps‘".
Die Premiere des Balletts löste einen der größten künstlerischen Skandale des Jahrhunderts aus - es kam zu Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten im Publikum. Dabei hatte sich Strawinski bereits etabliert und stand (noch) nicht im Ruf eines Bürgerschrecks. Was also hatte das Publikum so entrüstet? Auf musikalischer Ebene wahrscheinlich die Befreiung des Rhythmus, der über weite Strecken des Werks allein herrscht. Oft wird aus dem Orchester ein einziges großes Schlaginstrument. Die Melodik spielt eine relativ untergeordnete Rolle - wenn sie dominiert, dann in Form von kleingliedrigen, polytonal ineinander verschachtelten Motiven.
Es war jedoch zweifelsohne auch das Thema des Balletts, das zum Skandal beitrug. Die Beschwörung archaischer Naturkräfte, eines vorzivilisatorischen kollektiven Ritus, das mußte in einer Epoche bedingungslosen Subjektivismus auf Befremden stoßen; ein Befremden, das jedoch bald in Faszination umschlug. Der "Sacre" bedeutet mit seiner Urkraft eine Gipfelleistung, an die niemand anzuknüpfen vermochte – auch Strawinski nicht, der sich danach anderen Zielen zuwandte.
Unter den älteren Aufnahmen des "Sacre" gelingt es Igor Markewitsch 1959 vorzüglich, einerseits die Schockwirkung zu vermitteln, die das Werk bei seiner Uraufführung auslöste, andererseits die rhythmische und motivische Struktur glasklar nachzuzeichnen - bei alles andere als historischer Klangqualität. Im Gegensatz zu vielen jüngeren Interpreten, die den "Sacre" vorwiegend als Demonstrationsstück für orchestrale Virtuosität mißbrauchen, stößt Simon Rattle zur mythischen Dimension des Werks vor. Seine Einspielung wirkt wärmer, aber auch animalischer und erschreckender als viele andere.
Die beste aller neueren Aufnahmen des "Sacre“ ist allerdings die mit Riccardo Chailly und dem Cleveland-Orchester (Decca).

Thomas Schulz




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top