Bedřich Smetana

Mein Vaterland (Má vlast)

Tschechische Staatsphilharmonie Brünn, Rafael Kubelik

Supraphon/Codaex 11 1208
(1990) Komponiert: 1874-1879, Uraufführung: 1882 in Prag (gesamter Zyklus); DDD



Bedřich Smetana

Mein Vaterland (Má vlast)

Tschechische Staatsphilharmonie Brünn, Václav Talich

Supraphon/Codaex 11 1896
(1954) Komponiert: 1874-1879, Uraufführung: 1882 in Prag (gesamter Zyklus); AAD



Bedřich Smetana

Mein Vaterland (Má vlast)

London Classical Players, Roger Norrington

Virgin/EMI 5 45301
(1996) Komponiert: 1874-1879, Uraufführung: 1882 in Prag (gesamter Zyklus); DDD



Mit "Mein Vaterland" hat Smetana die musikalische Visitenkarte seines Vaterlands abgegeben. Denn es sind alte Sagen, die Geschichte und die Landschaft seiner Heimat, die den sechs sinfonischen Dichtungen dieses Zyklus zugrunde liegen. In "Vyšehrad" kündet ein Rhapsode von kühnen Heldentaten aus grauer Vorzeit. Dann verfolgt Smetana den Lauf der "Moldau" durch "Böhmens Hain und Flur", erzählt die Geschichte von der Amazone "Sárka" und setzt den hussitischen Freiheitskämpfern samt ihrer Stadt "Tábor" ein Denkmal. Zuletzt besteigt er den sagenumwobenen Hügel "Blaník", wo er zum Visionär der künftigen Größe des Landes der Tschechen wird. Franz Liszts sinfonische Dichtungen dienten Smetana zwar als Vorbild, doch die tschechisch geprägte Melodik seiner Musik verrät eine unverwechselbare persönliche Handschrift.
Musik spielte bei der Entstehung einer nationalen tschechischen Identität eine große Rolle, vor allem natürlich Smetanas "Vaterland", mit dem der "Prager Frühling" alljährlich eröffnet wird. Zu einer besonders denkwürdigen Aufführung kam es 1990, dem ersten "Prager Frühling" nach dem Sturz des kommunistischen Regimes. Damals kehrte Tschechiens großer Sohn Rafael Kubelik nach mehr als vierzigjährigem Exil ans Pult der Tschechischen Philharmonie zurück. Ein großer Dirigent, der zu "Mein Vaterland" immer schon eine besondere Neigung hatte, ein Orchester, das wie kein anderes das Idiom dieser Musik zu sprechen versteht, und die Gunst der Stunde - das musste einfach zu einem interpretatorischen Höhenflug führen. Von den fünf Einspielungen Kubeliks ist dieser Konzertmitschnitt für mich diejenige, in dem sich Wärme des Klangs und Beseeltheit des Ausdrucks am stärksten miteinander verbinden.
Die große Musiziertradition der Tschechischen Philharmonie, der sich Kubelik verpflichtet fühlte, hatte einst Václav Talich begründet. Nach dem Krieg wurde er von den Kommunisten zwar weitgehend kaltgestellt, durfte mit seinem ehemaligen Orchester aber wenigstens noch Platten aufnehmen. 1954 entstand eine Einspielung von "Mein Vaterland", die Talichs legendäre Dirigierkunst, vor allem seine Fähigkeit, große Bögen zu spannen, wunderbar unter Beweis stellt.
Wem bei Smetanas "Vaterland" weniger nach Tradition zumute ist, der ist bei Roger Norrington bestens aufgehoben. Die Originalinstrumente des Orchesters lassen manche Details in einem völlig neuen Licht erscheinen. Trotzdem wird nicht historisch trocken, sondern sehr inspiriert musiziert.

Peter Blaha




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