Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 8 c-Moll op. 65

Moskauer Philharmoniker, Kyrill Kondrashin

BMG/Melodiya 74321 19841 2
(1961) Komponiert: 1943, Erstdruck: 1943 in Moskau; ADD



Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 8 c-Moll op. 65

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kurt Sanderling

Berlin Classics/Edel 2064-2
(1976) Komponiert: 1943, Erstdruck: 1943 in Moskau; ADD



Eine Legende rankt sich um Schostakowitschs 1943 uraufgeführte Achte Sinfonie - die nämlich, sie spiegle das Grauen des Krieges. Möglich, dass der Komponist selbst einer solchen Deutung Vorschub leistete, um Stalin und die staatlichen Behörden auf eine falsche Fährte zu lenken. Doch lange ließen sie sich nicht täuschen. Schon drei Jahre nach Kriegsende warf man Schostakowitsch eine "ultraindividualistische Weltsicht" vor. Die Achte Sinfonie wurde mit Zensur belegt, die meisten Rundfunkmitschnitte des Werks gelöscht. Auch die politisch Mächtigen hatten erkannt, dass Schostakowitschs Musik von individuellem Leid kündet, dass sie Freiheit einklagt und all jene betrauert, die Opfer jedweder Gewalt geworden sind.
Schostakowitsch hat seine Achte dem Dirigenten Jewgenij Mrawinskij gewidmet, der als einer ihrer bedeutendsten Interpreten gilt. Doch gerade bei dem Mitschnitt, den die BMG in ihrer Mrawinskij-Edition veröffentlichte, ist Vorsicht geboten (Melodiya/BMG). 1947, als diese Aufnahme entstand, war man technisch noch nicht so weit, um die ganze Wucht orchestraler Entladungen unverfälscht auf Band zu bannen. Und auch Mrawinskij hat erst im Laufe der Jahre seiner Interpretation den letzten Feinschliff gegeben. Der große durchgehende Bogen stellte sich 1947 noch nicht ein.
Kyrill Kondraschins Einspielung von 1961 hält selbst den damals schon üblichen technischen Standards nicht restlos stand, aber von der Interpretation her ist diese Aufnahme eine der überwältigendsten, die ich kenne. Jeder Takt glüht vor Intensität, mit nie nachlassender Spannung bringt Kondraschin Schostakowitschs Musik zum Sieden. Da ist mehr zu hören, als nur eine große, fünfsätzige Sinfonie. Unter Kondraschins Leitung wird spürbar, wie sehr Schostakowitsch mit seiner Musik zum Ausdruck brachte, was viele Menschen damals gefühlt haben mochten, aber wegen der Diktatur kaum auszusprechen wagten.
Klassischer als die expressionistische Deutung Kondraschins gibt sich die tief empfundene Einspielung von Kurt Sanderling, der viele Jahre in der Sowjetunion gewirkt hatte und den Schostakowitsch zu seinen Freunden zählen durfte. Sanderling erweist sich als große Autorität in Sachen Schostakowitsch, ohne sich dabei selbst in den Vordergrund zu spielen.

Peter Blaha




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