Frédéric Chopin

Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll

Maurizio Pollini, Philharmonia Orchestra, Paul Kletzki

EMI 5 66221 2
(1960) Komponiert: 1830, Uraufführung: 1830 in Warschau


Frédéric Chopin

Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll

Emil Gilels, Moskauer Philharmoniker, Kyrill Kondrashin

BMG/Melodiya 74321401182
(1962)


Die beiden Klavierkonzerte von Frédéric Chopin stehen beim Publikum weitaus höher im Kurs als bei der Musikkritik. Ein Vorwurf, den sie sich oft gefallen lassen müssen, gilt der Behandlung des Orchesters. Diese sei dürftig, heißt es, und beschränke sich darauf, dem Solisten bloß eine Begleitung zu unterlegen. Gemessen an den sinfonischen Konzerten Beethovens mag dieser Einwand plausibel scheinen. Nur hieße das, ein Maß anlegen, das unangemessen ist, denn Chopins Konzerte streben einen sinfonischen Dialog zwischen Klavier und Orchester gar nicht an. Sie haben nicht Beethoven, sondern das romantische Virtuosenkonzert zum Vorbild, dem Komponisten wie John Field, Friedrich Kalkbrenner oder Henri Herz zuzurechnen sind. Dass deren Werke heute vergessen sind und sich nur Chopins Konzerte halten konnten, spricht schon allein für die herausragende Qualität der Chopin-Werke.
Trotzdem haben sich die Klavierkonzerte Chopins immer wieder Bearbeitungen gefallen lassen müssen. Beim e-Moll-Konzert, das zwar als zweites komponiert, aber noch vor dem f-Moll-Konzert gedruckt und daher als Nummer 1 veröffentlicht wurde, haben Dirigenten früher manchmal die Orchestereinleitung um das lyrische Seitenthema gekürzt. Dieser barbarische Strich beeinträchtigt auch zwei Aufnahmen, die ich ihrer Pianisten wegen sonst zu meinen Favoriten zähle: Jene frühe mit dem legendären Chopin-Interpreten Arthur Rubinstein unter John Barbirolli und Dinu Lipattis Einspielung mit Otto Ackermann von 1950.
Die klassische Aufnahme des e-Moll-Konzerts schlechthin ist für mich aber jene mit Maurizio Pollini unter Paul Kletzki. Sie entstand 1960, kurz nachdem der damals erst achtzehnjährige Pollini den Chopin-Wettbewerb gewonnen hatte. Alle Qualitäten Pollinis sind schon erkennbar: der noble Anschlag, die Brillanz des Vortrags, vor allem aber die Ausgewogenheit, mit der er in die emotionalen Tiefen der Musik hinableuchtet, ohne die intellektuelle Reflexion dabei außer acht zu lassen. Poetischen Zauber entfaltet Pollini vor allem in der Romanze, von der Chopin sagte, sie sei "eine Art Träumerei im Mondlicht einer schönen Frühlingsnacht".
Eigenwilliger, aber um nichts weniger faszinierend, ist ein Konzert-Mitschnitt aus Moskau, zwei Jahre nach Pollinis Einspielung entstanden. Kyrill Kondraschin lässt das Orchester mit sehr viel Gewicht spielen und rückt Chopin dadurch fast schon in die Nähe zu Brahms. Das funktioniert, weil auch Emil Gilels mit ungeheurer Energie am Werke ist. In jeder seiner Fingerkuppen müssen sich an diesem Abend tausend Volt befunden haben. Da herrscht Hochspannung vom ersten bis zum letzten Takt.

Peter Blaha




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