Peter Iljitsch Tschaikowski

Der Nussknacker

San Francisco Ballet

Opus Arte/Naxos OA1002D
(132 Min., 12/2007) 1 CD

 

Peter Iljitsch Tschaikowski

Der Nussknacker

Maurice Béjart Ballet Lausanne

EMI Classics 216 5869
(99 Min.)

 

"Nussknacker"-Nachtrag: Seit dem Interpretationsvergleich im Weihnachtsheft von RONDO erschienen noch zwei DVD-"Nussknacker", die eine Nachbetrachtung wert sind. Der eine stammt aus San Francisco und ist auf "konventionelle" Art sehr, sehr gut. Er hat vielleicht wenig Magie, aber dafür viel Charme und circa zehn Pfund Fantasie dazu. Der andere könnte der Beste sein, jedenfalls der Persönlichste: Er stammt von Maurice Béjart. Beide Aufnahmen sind so ungefähr der Nord- und der Südpol der Interpretation. Wer's lieber konventionell hat, fährt mit keiner besser als der aus San Francisco. Wer's lieber verrückt hat, mit der aus dem Théâtre du Châtelet in Paris. "Verrückt" meint hier übrigens nicht Hannibal Lecter – sondern eben diesen Kreativ-Verrückten Béjart, der auch persönlich auftritt und z. B. sagt, das Innere einer Walnuss sehe aus wie das menschliche Gehirn (was absolut stimmt), und dass sein "Nussknacker" eine Huldigung an Frau Mama sei (was noch mehr stimmt – wenn das denn geht).
Der "Nutcracker" des San Francisco Ballet beginnt sehr amerikanisch mit Weihnachtsgrußkarten, "Compliments of the Season" – aber sie stammen von 1915 und zeigen das Frisco jener Tage, das damals die Weltausstellung beherbergte. In dieser eleganten Epoche spielt denn auch der Weihnachtsabend, die Kostüme und Dekorationen sind so sophisticated wie eine Komödie von Noël Coward, die Choreografie (Helgi Tomasson) zieht wunderbare Parallelen, das heißt, sie bleibt nah am Original, und im ersten Akt hat man das Gefühl, dass hier Tanz regelrecht als ein gesellschaftliches Ereignis präsentiert wird. Darling, wo gehen wir heute Abend hin? Oh, zu den Vanderbilts – da wird immer so elegant getanzt! Clara (Elizabeth Powell) ist wieder ganz reizend mädchenhaft, mit einer Riesenschleife in den brünetten Locken, und "Onkel" Drosselmeyer (Damian Smith) ein herrlicher Hagestolz mit Augenklappe, der zur Abwechslung wirklich raffinierte Zauberkunststücke vorführt. Wie gesagt: Wer's "konventionell" mag, wird nirgends besser bedient als hier. Musikalisch – naja, gut genug.
Béjart macht natürlich etwas völlig anderes. Schon die Protagonistin heißt nicht Clara, sondern Bim und ist – Béjart selbst. Wirklich erstaunlich, was man aus „zehn Takten dies und dann fünfzehn Takte jenes“ (so die Anweisung an den Komponisten) alles machen kann. Béjarts Version ist eine homoerotische Fantasie, eine Ode an die eigene Mutter, ein Egotrip und ansonsten sehr, sehr spannend. Radikal autobiografisch, lässt er außer seinem jungen Stellvertreter und der Mutter nur noch Statisten auf der Bühne zu – und seinen "Méphisto", den genialen Choreografen Marius Petipa, der zur Tschaikowskizeit wirkte. Den hat er zwar nicht mehr persönlich kennengelernt, aber wenigstens dessen letzten überlebenden Schüler Nicholas Sergeyev. Es beginnt mit einer Art Laterna magica "aus dem Leben von Maurice Béjart", und dann erlaubt sich der Altmeister, der 2007 starb, so ziemlich jede Freiheit – Fahrräder auf der Bühne, Tanz ohne Musik, ein Schifferklavier bei den Schneeflöckchen, Apachentanz (mit völlig anderer Musik), sprechende Tänzer, sich selbst in schwarz-weißen Zwischenschnitten, seine Oma im Fernsehinterview, die sagt, dass sein Weltruhm sie nicht überrasche, weil er "schon immer so theatralisch" gewesen sei – und so weiter. Es ist sozusagen der Einbruch der Wirklichkeit in die hochstilisierte Welt des Balletts. Ja, sicher, ein Egotrip, aber ein grandioser. Man muss das mögen, um es gut zu finden. Aber wenn man es mag, kann man sich nicht sattsehen.

Thomas Rübenacker, 16.01.2009




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