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Murray Perahia

Die Erde hat ihn wieder

Lange Zeit war er abgetaucht. Sein rechter Daumen machte dem amerikanischen Pianisten Murray Perahia in einer Art und Weise zu schaffen, dass er bald drei Jahre nicht auf den Podien der Welt erscheinen und spielen konnte. Im Dezember 2007 wagte er einen Neustart gleichsam hinter den Kulissen. In Berlin ging Perahia wieder ins Tonstudio. Jürgen Otten traf im Hotel Adlon hinterher einen äußerst aufgeräumten Künstler.

Sagen wir es rundheraus: Es war eine traurige Zeit ohne ihn. Es lag, so war es zu vernehmen, am Daumen. Doch glauben wollte und konnte man es nicht. Nicht schon wieder dieser Daumen, das durfte nicht sein. Doch es war die reine, triste Wahrheit: Erneut war es dieser Finger, der Murray Perahia daran hinderte, dem nachzugehen, was er nicht nur als seinen Beruf, sondern vielmehr als seine Berufung begreift: Klavier zu spielen. Groß war deshalb das Frohlocken, als die Kunde in die Welt gelangte, er sei wieder da. Zunächst zwar »nur« im Studio, aber man war ja schon bescheiden geworden. Im akustisch wunderbaren Sendesaal des ehemaligen DDR-Rundfunks würde Perahia die As-Dur-Sonate op. 26 von Beethoven und drei Partiten von Bach aufnehmen. Anfangs schien es, als sei es möglich, dabei zu sein, Atmosphäre zu schnuppern. Doch kurz vor Beginn der Aufnahmesession hieß es dann, Perahia wünsche nur den Tonmeister und die Mikrofone als Zuhörer. Vielleicht ein Zeichen für die hohe Anspannung. Es blieb – nach Beendigung der Aufnahmen – der Weg ins Hotel Adlon, in dem Perahia während seines Berlinaufenthaltes residierte.
Gut sieht er aus. Spürbar entspannt, redselig, bester Laune und – wie immer eigentlich – ein echter Gentleman. Die Frage, wie es ging mit den Aufnahmen, beantwortet Perahia denn auch mit sophistisch-salomonischem Esprit: »Nun, ich denke, es ging gut. Aber ich bin nie sicher, bevor ich nicht die Aufnahme angehört habe.« Sagt er und lacht. Und fügt dann hinzu, er glaube inzwischen grundsätzlich, dass es am besten sei, wenn man die Stücke durchspiele, ohne Unterbrechung, wie man es für gewöhnlich am Anfang einer Session erst einmal macht. »Meist sind das die besten Aufnahmen.« Perahia erklärt auch sogleich, welchen Grund das hat: »Sie können die Stücke nicht ewig spielen. Spielen Sie sie zu häufig, schwindet allmählich das Gefühl für ein Stück. Für gewöhnlich sind die ersten intuitiven Gedanken die besten und überzeugendsten. Grundsätzlich habe ich eine Menge Fragen an mich und an die Stücke, wenn ich mit einer Aufnahme beginne. Ist dieser Weg richtig oder doch vielleicht jener andere? Man kann es nicht zu einhundert Prozent vorherbestimmen. Weder das Tempo noch den Klang. Und vergessen Sie nicht, dass auch die Stimmung des Interpreten nie die gleiche ist. Das kann von Tag zu Tag wechseln, zwar nicht entscheidend, aber ein wenig eben doch.«
Betrachtet man die vergangenen drei Jahre im Leben des Pianisten Murray Perahia, fällt es kaum schwer, die Gemütslage des Amerikaners zu beschreiben. Bescheiden war sie, trübgrau. Drei Jahre ohne Klavier, das ist schlicht die Höchststrafe für einen jeden Pianisten. Und es ist noch schlimmer als das, wenn man weiß, dass es schon das zweite Mal ist, dass er diese Strafe absitzen muss und die Gefahr einer neuerlichen Verletzung, wenn nicht offenkundig, so doch mindestens im Hinterkopf des Betroffenen existiert. Deswegen überrascht es kaum, dass Perahia die behutsam gestellte Frage nach seinem Befinden ebenso behutsam, aber auffällig knapp beantwortet: so knapp, dass es besser ist, nicht noch tiefer zu bohren.
Mit anderen Worten: Die Angst spielt (wahrscheinlich) mit. Doch nicht nur die, es gibt auch beruhigende Erinnerungen. Als Murray Perahia nach seiner ersten Zwangspause Anfang der 90er Jahre zurück aufs Podium kam, spielte er beinahe eine Klasse besser als zuvor. Nicht nur reifer, facettenreicher, aufregender. Sondern zugleich freier – irgendwie befreit von einer Last. Er hatte viel gelesen, noch mehr nachgedacht. Seine Interpretationen waren gewissermaßen in der Stille gewachsen, und er hatte mit Johann Sebastian Bach einen Komponisten entdeckt, der nicht nur seinen veränderten körperlichen Perspektiven, sondern darüber hinaus seinem vertieften Musikverständnis entgegenkam. Für Schumann und Chopin brauchte es die Pranke, für Bach auch die geistige Durchdringung, das Gefühl für die polyfonen Wechselwirkungen. Perahias Bach formulierte diese Wechselwirkungen wie zuvor nur Glenn Gould. Aber er tat es ganz anders, aus dem Geiste seiner Vorbilder Myra Hess und Dinu Lipatti, mit einer Prise von Rosalyn Turecks Spiritualität.
Und so auch jetzt, beim nunmehr zweiten Comeback. Perahias Bachspiel hat etwas Beschwingtes, Lyrisches, Emphatisches, das den ohnehin kontrapunktisch ausgefeilten und dynamisch nuancierten Wiedergaben dieses gewisse Etwas hinzufügt. Man kann es Esprit, aber durchaus und mit Fug und Recht auch Leichtigkeit nennen. Es ist ein Spiel, das eine Schumann’sche Überschrift tragen könnte: »Durchaus mit Empfi ndung und Leidenschaft«. Die Frage ist nur: Ist das planbar? »Da ist ein Plan«, sagt er. »Aber er muss Raum lassen für Spontaneität, für Flexibilität innerhalb des Spiels. Sie müssen immer so spielen, als sei es das erste Mal, egal was Sie sich vorher in Ihrem Kopf zurechtgelegt haben.« Doch der nachdenkliche Künstler, der Murray Perahia nun einmal ist, formuliert sogleich den Einwand mit, nämlich den, dass ein besonderer Druck entstehe, wenn man die Stücke aufnehme. »Das ist kein Konzert, in dem sie in diesem einen Moment, wenn Sie auf der Bühne sind, überzeugen müssen «, fügt er hinzu. »Eine Aufnahme hat so etwas wie Endgültigkeitscharakter. Sie steht fest, sie dauert an. Vielleicht irre ich, aber ich bin der Meinung, dass die Verantwortung größer ist, wenn Sie eine Aufnahme machen. Dabei ändert man seine Meinung über viele Dinge im Leben immer wieder, wenn man den Sinn der Dinge hinterfragt. Auch als Interpret ist das so: Es gibt so viele Möglichkeiten, ein Stück zu interpretieren. So viele Schattierungen.«
Ersetzt man das Wort »Stück« durch das Wort »Leben«, dann ist man dem, was Murray Perahia gelernt hat, lernen musste im Verlauf seiner wechselvollen Karriere, sehr nahe. Es gibt so viele Schattierungen. Schattierungen – das bedeutet, wenn man es als etwas Positives begreift, aber auch: Möglichkeiten. Und die Möglichkeit, das wusste schon der große Robert Musil, ist dem Sinne nach immer die interessantere Art, das Leben zu denken und zu leben als die Wirklichkeit selbst.

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Partiten 2, 3 u. 4

Murray Perahia

Sony Classical


Klavierspieler: Krisen und Comebacks

Es war ein Sänger, der der Wahrheit eine Stimme gab: Kunst, so der Bariton Christian Gerhaher, sei institutionalisierte Krise. Sprich: Kunst beinhalte immer schon, um die eigenen Defizite zu wissen. Womöglich ist es dieses sokratische Erkennen der eigenen Unzulänglichkeit, die Künstler immer wieder in Krisen stürzt – auch jene, die Ikarus gespielt haben. Manche sind danach zurückgekommen. Manche nicht. Und manche haben einfach nur ihren Flügel in den See geworfen. Als François-René Duchable sein Instrument versenkte, da war seine Krise vollkommen. Er mochte nicht mehr, doch seine Krise, befand er, war nur Ausdruck einer anderen Krise: der des Konzertbetriebs, einer zunehmend mit wenigen ausgewählten Marken arbeitenden Institution. Also ging der Flügel unter. Ein mutiger Akt mit hohem symbolischem Wert. Und Ausdruck einer besonderen Form der Krise. Einer, der dieses Wort beherrschte wie aus dem Effeff, war zugleich einer der Größten überhaupt (wer weiß, vielleicht gibt es da Zusammenhänge?) unter den Pianisten: Mehrmals in seiner bestaunenswerten Karriere hörte Vladimir Horowitz mit dem Klavierspiel aufgrund eines überreizten Nervenkostüms auf, einmal sogar zwölf Jahre lang (1953–65). Elektroschocks brachten ihn wieder auf den Pfad der Tugend – und natürlich die übergroße Lust am Spielen. Ganz schlimm erwischte es Leon Fleisher, der aufgrund einer Dystonie in der rechten Hand fast 30 Jahre lang nur mit der Linken spielen konnte. Auch Michel Béroff hatte mit einem ähnlichen Handicap zu kämpfen, die Finger einer Hand wollten schlicht nicht mehr. Zum Glück für alle Liebhaber hochkultivierten und feinsinnigen Klavierspiels kam er, wie Fleisher und wie Murray Perahia, zurück und schaffte ein viel beachtetes Comeback. Friedrich Schiller hatte eben doch Recht: Nur wo der Mensch spielt, ist er ganz Mensch, und nur wo er ganz Mensch ist, spielt er.


Jürgen Otten, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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