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Musik der Welt

Global Fusion

+ Dr. Subramaniams gehaltvolle Anthologie der klassischen Musik Südindiens + Die Fado-Künstlerin Dona Rosa meldet sich mit bittersüßem Gesang nach fünfjähriger Studioabstinenz zurück +

»Ich finde nichts inspirierender als das Musizieren meines sehr großen Kollegen Subramaniam. Immer wenn ich ihn höre, bin ich in Verwunderung mitgerissen«, meinte Yehudi Menuhin, der auch etwas von indischer Musik verstand. Dr. L. Subramaniam, der heuer seinen 60. Geburtstag feierte, gilt nicht nur seit Jahrzehnten als Paganini der indischen Musik, ja er trägt sogar als einziger Inder den offiziell verliehenen Titel »Violin Chakravarti« – »Kaiser unter den Geigern«. Seine Berühmtheit im Westen verdankt der in die USA ausgewanderte Geiger aus Madras seiner nicht nur mit überschäumender Spielfreude gepaarten Virtuosität, sondern seiner Fähigkeit, musikalische Brücken zu schlagen. Vor allem in den 70er und 80er Jahren trat er immer wieder aus dem ohnehin schon weiten Rahmen traditionell klassischer südindischer Musik heraus, um an der Seite von Größen wie John Handy, Herbie Hancock oder Stéphane Grappelli damals neuartige, verblüffend mühelos entstandene Verbindungen von Jazz und südindischer Musik vorzulegen, bisweilen mit Resultaten, die mit zum Genialsten der Weltmusik gehören.
Die Schwierigkeiten, als Violinist klassischer indischer Musik in den Staaten akzeptiert zu werden, haben ihn (oder seine Plattenfirmen) bisweilen auch zu nicht ganz geschmackssicheren Annäherungen an einen vermeintlichen westlichen Publikumsgeschmack verleitet, die wahrscheinlich eine gewisse Mitschuld tragen, dass man ihn übersieht, wenn von den ganz großen Geigern der Gegenwart die Rede ist. Daneben liefert der feel-saitige Südinder Orchestermusik, Soundtracks, Meditations- und Heilmusik. Es ist nicht erstaunlich, dass der studierte Mediziner, der seine eigene Musik »Global Fusion« nennt, immer wieder Alben vorlegt, auf denen er kompromisslos das spielt, was er am besten beherrscht: klassische südindische Musik. Nichts von alledem liest man in »Inde du Sud. Anthologie de la musique classique« (Ocora/ harmonia mundi C591001/2/3/4), einer von ihm herausgegebenen Einführung in die klassische karnatische Musik im Buchformat mit vier CDs. Hier tritt der Vermittler zurück, um ganz sachlich die 3.000-jährige Geschichte der südindischen Musik, ihre Formen, Instrumente in Wort und Klang vorzustellen – ohne freilich auf den Einsatz seines verzückenden Geigenspiels in einigen Stücken zu verzichten. Sein Text schafft es, die wirklich komplexe Materie in nur etwa 20 Seiten pro Sprache (Englisch/Französisch) nahezubringen. Die Musikbeispiele reichen von den vedischen Hymnen der Vorzeit bis zu zeitgenössischen, doch stets traditionellen Improvisationen. Zu den Interpreten gehören seine früh verstorbene Frau Viji Subramaniam oder Legenden wie Mridangam-Trommler T. S. Mai Iyer. Subramaniam zeichnet ein reiches Panorama: Auch Instrumente wie die Maultrommel Moorsing oder das Jaltarangam – eine Art Glockenspiel aus 18 mit Wasser gefüllten Tassen – bekommen ihren großen Auftritt. So können selbst Freunde südindischer Musik neue Facetten dieser so vielfältigen Musik entdecken.
Weder äußerlich noch gesanglich gleicht Dona Rosa den gestylten Püppchen, die heute das Image des Fado repräsentieren. Ihr mitunter beschwerlicher Lebensweg gleicht einem Märchen: Von der blinden Straßensängerin, die mit ihrer Triangel durch die Straßen Portugals wandelte, zur von Taiwan bis Kanada gefeierten Bühnenkünstlerin. Nach fünf Jahren Studioabstinenz legt die 50-Jährige endlich mit »Segredos« (Jaro 42412) ein neues Album vor, auf dem sie von einfühlsamen Instrumentalisten begleitet wird. Durch ihren Erfolg hat ihre Stimme nichts von ihrer herben Schönheit und ihrer bewegenden Expressivität eingebüßt und ihr Vortrag nichts von seiner unprätentiösen, authentischen Schlichtheit. Fado gilt als melancholische Musik, doch die billige Sentimentalität der Blasierten ist Dona Rosas bittersüßem Gesang völlig fremd. Es liegt auch Trauer darin, schon, aber weit mehr Entschlossenheit, Zuversicht, Hoffnung und eine mit »Segredos « viel stärker zu Tage tretende Fröhlichkeit. Weil ihr Gesang direkt aus einem vermutlich übergroßen Herzen kommt, schafft sie es, über alle Sprachbarrieren hinweg, unser Herz tief zu berühren. Mehr noch: Sie hinterlässt es ein Stück weit geheilt, wie es eben Lieder tun, die von echter Trauerarbeit zeugen, ob sie nun von Schubert oder Abbey Lincoln stammen. Der Hörer wird von der rätselhaften Heiterkeit jener ergriffen, die um eine verwandelnde Erfahrung reicher sind.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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